Studienreise nach Bosnien: Bericht

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Bericht von einer Interreligiösen Studienreise nach Bosnien vom 19. bis  25. September  2017

Vom 19. bis 25. September veranstaltete die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog in Zusammenarbeit mit Bruder Jürgen Neitzert OFM eine interreligiöse Studienreise nach Bosnien-Herzegowina. Zweck der Reise war, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die den interreligiösen Dialog in Bosnien und Herzegowina betreiben, um sich so ein Bild von der gesellschaftspolitischen Situation, insbesondere in Bezug auf das Zusammenleben der Religionen, 27 Jahre nach Kriegsende zu machen.

Die Gruppe, mit neun Teilnehmenden aus Aachen, Berlin, Köln und Schirgiswalde-Kirschau, war konfessionell und religiös gemischt: fünf Katholik*innen, drei Protestant*innen und ein Muslim. Zwei Teilnehmer waren Franziskanerbrüder der deutschen Franziskanerprovinz.

Die Reise führte die Gruppe nach Sarajewo, Mostar, Srebrenica, Medjugorje, Visoko und Kraljeva Sutjeska.

Dienstag – 19. September – Sarajewo

Franziskanerkloster und St. Antoniuskirche in Sarajewo

Nach Ankunft in Sarajewo wurde die Gruppe im St. Antonius-Kloster Sarajewo-Bistrik sehr herzlich vom Guardian des Klosters, Pater Slavko Topic, begrüßt, der selbst in Deutschland gelebt und studiert hat. Er zeigte uns die Kirche mit ihren Kunstwerken, führte uns in die lange und kontinuierliche Geschichte der Franziskaner in Sarajewo und Bosnien ein und berichtete von der pastoralen Arbeit der Franziskaner in Sarajewo. Seit 1291 sind die Franziskaner in Bosnien und Sarajewo präsent und in allen Bevölkerungsgruppen angesehen.

Im Anschluss führte uns Bruder Jürgen durch Sarajewo, zeigte uns die orthodoxe Kirche der Heiligen Kyrill und Method, die römisch-katholische Herz-Jesu-Kathedrale sowie die Ferhdija-Moschee.

Auch in das jüdische Museum, untergebracht in einer sehr schönen ehemaligen Synagoge, warfen wir einen ausführlichen Blick und informierten uns über die Geschichte und den Alltag der Juden in Sarajewo.

St. Antoniuskirche – Fenster
Orthodoxe Kirche
Ehem. Synagoge und jüd. Museum

 

Mittwoch – 20. September – Sarajewo

Unser erster Gesprächstermin führte uns in die Fakultät für islamische Theologie der Universität Sarajewo. Dort trafen wir Dr. Zuhdija Hasanović, Dekan der Fakultät und seinen Assistenten, der übersetzte.

Bruder Stefan Federbusch berichtet:

Der Innenhof der islamischen Fakultät

Den Namen seines schwungvollen Kollegen, der ihn ins Englische übersetzte, hat leider keiner notiert. Da er dies simultan tat, war es einerseits Zeit sparend, andererseits für mich mühsam, alles zu verstehen. Bosnien sei Einheit in Vielfalt und Vielfalt in Einheit, ein multiethnisches und multireligiöses Land. An der islamischen Universität gibt es 680 Studierende aus verschiedenen Ländern des Balkans. Die Frauen werden als Lehrerinnen ausgebildet, die Männer zum Großteil als Imame. Ziel sei es, einerseits die islamische Identität zu stärken, andererseits den interreligiösen Dialog zu pflegen. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat 2016 mit den Katholiken und Orthodoxen ein Kurs für Interreligiösen Dialog begonnen. „Religions building peace.“ Die Fakultät lehre ein plurales Verständnis des Islam. Die Studierenden sollen verstehen, dass ihre Sicht nur eine von vielen ist und dass es im Islam verschiedene Traditionen gibt. Hängen geblieben ist mir das Bild von der Walnuss als Bild für die Religionen. Von außen betrachtet sehe ich zunächst nur grüne Schale. Zu sagen: So ist eine Walnuss (bzw. Religion) wäre verkürzt. Unter der grünen Schale zeigt sich die braune Schale wieder mit einer anderen Sicht. Und erst wenn ich diese geknackt habe, komme ich zum Kern. Je weiter ich nach innen gehe, desto mehr komme ich zum Wesentlichen. In diesem Wesentlichen – das ist jetzt meine Interpretation – sind sich die Religionen wohl näher als in den äußeren Formen. Gott als das bleibende Geheimnis und die Goldene Regel (in unterschiedlichen Formulierungen) finden sich bei den meisten Religionen. Die Mystiker (Sufis) der Religionen haben nicht so große Probleme der Verständigung.

Was als Fragehorizont hängen blieb, betraf dann nicht nur diese Begegnung, sondern galt allgemein in unterschiedlichem Maße: Zum einen ist es schwer einschätzbar, ob das, was der Gesprächspartner erzählt, nur die Schokoladenseite des Interreligiösen Dialogs darstellt oder tatsächlich eine gelebte Option ist, wie sie dargestellt wird. Zum anderen war zumindest diese erste Begegnung eher ein Hören und Fragen als ein wirklicher partnerschaftlicher Austausch. Bei den weiteren Gesprächen war dies zumindest für mich zum Teil anders. Dies mag daran gelegen haben, dass eine solche Begegnung allein von den Rollen her formeller abläuft als der Austausch mit einem Mitbruder oder der Mitarbeiterin einer franziskanischen Einrichtung. Das Thema Bildung sollte uns auf der Reise noch des Öfteren begegnen, vor allem in der Frage, warum die schulischen Ausbildungen getrennt nach Volksgruppen und Religionen erfolgen.

Von der Fakultät aus unternahmen wir einen kurzen Spaziergang zum Interreligiösen Zentrum in Sarajevo und trafen dort Dr. Zilka Spahić-Šiljak, die derzeit an einer Universität in Kalifornien islamische Theologie lehrt. Vor dem eigentlichen Gespräch empfing uns Gordana Petrovic – eine Mitarbeiterin des interreligiösen Zentrums – und berichtete uns von der Situation des Zentrums während des Krieges. Sie selbst hat während des Krieges in den Räumen des Zentrums gewohnt. Die Erinnerungen daran sind schwer. Besonders belastend war während des Krieges, dass jeder Tag neu geplant werden musste, weil vollkommende Ungewissheit herrschte, was passieren würde.

Thomas M. Schimmel berichtet:
Zilka Spahić-Šiljak eröffnet ihr Gespräch mit der Frage, ob Religion Privatsache sei. Religion könne aus ihrer Sicht nicht garantieren, dass Frieden und Solidarität herrsche. Nach dem Terror des Krieges sei Religion immer eine Sache des öffentlichen Interesses, aber immer auch Teil der persönlichen Identität. Sie selbst ist Professorin für Genderstudien, Islamische Theologie und Menschenrechte. Als junge Frau war sie während des Krieges in NGOs engagiert. Nach dem Krieg arbeitete sie im Ministerium für Erziehung und promovierte nebenher. Seit 2015 unterrichtet sie an der Harvard-University und kehrt nächstes Jahr nach Sarajevo zurück. Bruder Marco Oršolić startete nach dem Krieg die Frauenarbeit verschiedener religiöser Gruppen, aus der sich eine enge Zusammenarbeit mit ihr entwickelte. Ihr und Bruder Marco Oršolić sei die Arbeit mit den Menschen wichtig, nicht das Überstülpen von Konzepten.

Ihre Programme drehten sich immer um kulturellen Austausch.

Zilka erläutert, dass aus ihrer Sicht die Kultur der Transmissionsriemen ist, der Menschen zusammenbringen kann. Der Dialog des Lebens bringe die Menschen zusammen, das Gespräch über die jüdischen, christlichen und muslimischen Aspekte des Lebens und ihre Beziehungen schaffe Empathie. Nicht die Institutionalisierung von Gespräch könne das schaffen, sondern das spontane, ernsthafte Gespräch. Das bringe die Menschen zusammen.

Dabei sei Nachhaltigkeit wichtig! Dies könne vor allem in lokalen Initiativen geschaffen werden, die in Verbindung zu den Menschen stünden. In den lokalen Initiativen arbeiteten Menschen, die an die Idee des friedlichen Zusammenlebens glaubten und die lokale Strukturen aufbauten. Aber es gäbe auch immer wieder Rückschläge. Menschen wollten oft gar keine Freiheit, weil Freiheit Verantwortung bedeutet. Da ist es einfacher, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und zu trennen.

Was können wir tun gegen diese Trennung? Die Trennung beispielsweise im Schulsystem müsse aufgehoben werden! Alle Kinder müssten zusammen unterrichtet werden. Es brauche Kampagnen zur Rolle der Frauen bei jungen Menschen. Die Kirchen und die muslimische Gemeinschaft müssten hier zusammenarbeiten. Sonst sei alles kontraproduktiv. Interreligiöser Dialog und Mission passe nicht zusammen.

Das Zentrum versuche, die verschiedenen Gruppen zusammen zu bringen. Im Hause gäbe es auch feministische Gruppen und Gruppen, die sich mit der Frage der gemischtreligiösen Ehen auseinandersetzten, die in Bosnien immer sehr häufig anzutreffen waren bzw. sind. Man arbeite stark an Fragen der Integration.

Lateiner-Brücke

Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem Selbstbedienungsrestaurant begab sich die Gruppe auf den Weg zur aschkenasischen Synagoge und passierte dabei die Lateiner-Brücke, an der 1914 der österreichische Thronfolger erschossen wurde.

Katharina von Bremen berichtet:
Strömender Regen draußen. Drinnen empfing uns ein Gemeindezentrum – Treffpunkt und Aufenthalts­raum vor allem für ältere Gemeindemitglieder, die im Eingangsbereich saßen, neben und in einem klei­nen Café und Restaurant. Zu anderer Zeit dürfte es hier noch betriebsamer zugehen als an unserem Besuchstag, der schon ganz im Zeichen von Rosch ha-Schana stand, dem am Abend beginnenden jüdischen Neujahrsfest. Zwar ist die aschkenasische Synagoge heute die einzige regelmäßig genutzte Gebets- und Gottesdienststätte; der Festgottesdienst zu Rosch ha-Schana fand allerdings in der alten sephardischen Synagoge statt.

Bima in der Synagoge von Sarajewo

Eine Mitarbeiterin führte uns in den ersten Stock, denn nur die ehemalige Frauengalerie im Oberge­schoss wird heute noch als Gottesdienstraum genutzt. Die Architektur dieses auf den eigentlichen Synagogenraum aufgesetzten Raumes mit dem großen Rundbogen für den Toraschrein und der farbkräf­tigen Ausmalung ist beeindruckend und zeugt von der Größe des gesamten Gebäudes. Die Synagoge ist eine der größten Europas und wurde 1902 von Karl Parik erbaut, zu dessen Werk zahlreiche öffent­liche und sakrale Bauten Sarajevos gehören. Sechs Jahre nach der Okkupation Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn (1878) gab er der Stadt ein mitteleuropäisches Gepräge, vielfach durch den damals modernen neomaurischen Stil, der nicht nur die aschkenasische Synagoge, sondern auch die islamische Fakultät oder das Rathaus kennzeichnet.

Zur Erbauungszeit war aschkenasisch und sephardisch ein gewichtiger Unterschied. Die sephardischen Juden waren nach 1492 als Flüchtlinge aus dem von Spanien eroberten maurischen Al Andalus in Län­der des Osmanischen Reiches gekommen – 1565 gilt als Einbürgerungsjahr in Sarajevo – und in den folgenden Jahrhunderten zu den Alteingesessenen geworden, die in zusammenhängenden Stadtvier­teln, aber nicht in Ghettos lebten. Das berühmteste Erinnerungsstück an diese Herkunft ist die um 1350 in Spanien geschriebene „Sarajevo-Haggada“ zum Pessachfest, in der die Geschichte des Auszugs aus Ägypten erzählt wird. Die aschkenasischen, d.h. die aus Nord-, Mittel- und Osteuropa stammenden Juden kamen erst nach der Besetzung durch Österreich-Ungarn als Verwaltungsbeamte, Richter, Ge­schäftsleute dazu. 1879 gründeten sie ihre eigene Gemeinde, die aber nie so groß wie die sephar­dische war. Heute bilden beide Gruppierungen eine Gemeinde.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 14.000 jüdische Menschen in Bosnien und Herzegowina, davon vielleicht 10.000 in Sarajevo, was etwa zehn Prozent der Stadtbevölkerung ausgemacht hat. 1941 griff Deutschland Jugoslawien an; die von Hitler gestützte Ustascha rief einen Staat Kroatien aus, der Bos­nien-Herzegowina und Teile Serbiens umfasste und den Deutschland und Italien in Einflussbereiche geteilt hatten. Die bis 1943 dauernde italienische Besatzung vollzog die Verfolgung und Ermordung von Juden nicht mit. Dafür wurden durch die kroatische Ustascha Hunderttausende ermordet. Von rund 82.000 jüdischen Bürgern Jugoslawiens überlebten nur rund 12.000. 85 Prozent aller Juden wurden in deutsche Konzentrationslager deportiert oder kamen auf andere Weise um. Nach 1945 lebten nur noch 1.147 Juden in Sarajevo. Bei Ausbruch des Bosnienkrieges waren es noch 2.000, im Jahr 2008 unge­fähr 1.000. Die größte Zahl jüdischer Menschen lebt in Sarajevo, ca. 700. Die Mitarbeiterin der Gemein­de sprach von 500 Gemeindemitgliedern.

Bis heute in Erinnerung ist die humanitäre Hilfe, die durch die jüdische Gemeinde im Bosnienkrieg ge­leistet wurde. „La Benevolencija“, die damals gegründete Hilfsorganisation, kümmerte sich um alle vom Krieg Betroffenen – und wurde vor allem auch von der jüdischen Gemeinde Berlin unterstützt. Bis heute ist La Benevolencija aktiv und kümmert sich um traumatisierte Menschen.

Die Gemeinde war und ist Zeichen und Teil eines jahrhundertelangen toleranten und friedlichen Zusam­menlebens verschiedener Volksgruppen, Religionen, Kulturen. Gleichwohl ist die Situation auch jenseits der kleinen Zahl schwierig. Mit dem Dayton-Abkommen von 1995 wurden die drei konstitutiven Volks­gruppen – Bosniaken, Kroaten, Serben – festgeschrieben, zu denen andere Gruppen und Minderheiten wie Juden, Roma oder Albaner nicht gehören. Ausgerechnet das durch die USA und mit Hilfe der EU zustande gekommene Abkommen lässt die Bürgerrechte nicht für alle gelten.

Im Anschluss an den Besuch der Synagoge wurden wir schon in der Gazi Husrev Beg Bibliothek vom Bibliotheksleiter erwartet.

Zunächst gab es in der Eingangshalle des neu erbauten Bibliotheksgebäudes (finanziert von Katar) einige interessante historische Bilder und Exponate anzusehen. Dann wurde uns ein Film über die Geschichte der Bibliothek (1537 gegründet), gezeigt.

 

Michaela Arndt berichtet:
In den Räumen der Bibliothek, die nach dem Feldherrn und Politiker Gazi Husrev Beg (1480 – 1541) benannt ist, der besonders in Sarajevo gewürdigt wird, da er neben der Bibliothek viele wichtige Bauwerke (die Gazi Husrev Beg-Moschee, eine Madrasa / Islamschule, die Sahat Kula / Uhrenturm, ein Krankenhaus, Volksschulen, Armenküchen u.a.) gebaut und sehr zur Stadtentwicklung beigetragen hat, befinden sich Tausende handgeschriebene Werke, das älteste ist von 1106.
Während der Besatzung von Sarajevo 1992 und 1995 war die Nationalbibliothek, die sich damals in der Vijećnica – dem alten Rathaus – befand, immer wieder Ziel von Artillerieangriffen aus den umliegenden Hügeln. In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1992 brannte die Nationalbibliothek fast völlig aus. Sie brannte zwei Tage lang und Heckenschützen verhinderten den Einsatz der städtischen Feuerwehr oder andere zivile Löschversuche. Damals wollte der serbische Präsident Slobodan Milosevic das kulturelle Erbe der Bosniaken auslöschen und ein Großserbien errichten. In dieser Zeit haben die Menschen in der Hauptstadt viele Werke in Sicherheit gebracht.
Jetzt werden sie in der neu erbauten Bibliothek zusammengeführt und sind dort zu besichtigen.
Die Bibliothek hat auch eine Restaurationsabteilung, in der historische Werke gesäubert und restauriert werden – wir durften den fleißigen Mitarbeiterinnen ein wenig zusehen und Fragen stellen.

In der Ausstellung wurde der Dokumentarfilm „For the Love of Books: Sarajevo Story“ gezeigt, in dem es um eine Gruppe von Buchliebhabern bzw. mutigen Bürger Sarajevos geht, die ihr Leben riskierten, um ca. 10.000 Bände der Bibliothek aus dem Jahr 1537 zu retten, die nun Teil der National- und Universitätsbibliothek sind. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1992. Die Wertschätzung von Büchern und Bibliotheken wird hierbei deutlich, da sie erinnerungs- und identitätsstiftend für eine Kultur sind.

Blick vom Dach der Bibliothek auf die Stadt

Der Rest des Nachmittages ist frei und wir treffen uns nach dem Abendessen im Refektorium des Franziskanerklosters mit Pater Ivan Šarcevic, Hochschullehrer an der theologischen Fakultät. Die Brüder bewirten uns mit Bier, Wein, Sliwowitz und Ausgebackenem, während Pater Ivan ansetzt, über die geschichtliche und gesellschaftspolitische Entwicklung Bosniens zu sprechen. Später traf noch ein bosnischen „Überraschungsgast“ Pater Ivans aus Deutschland ein: Prof. Dr. Edin Sarcevic (weder verwandt noch verschwägert mit P. Ivan!), Professor am Lehrstuhl für Europarecht, Völkerrecht und Öffentliches Recht in Leipzig. Das ergab noch zusätzlich interessante Frage- und Gesprächsmöglichkeiten, welche wir gern nutzten.

Nach einem interessanten Tag und Begegnungen u.a. in der 1977 gegründeten islamischen Fakultät Sarajevo, dem Besuch des Interreligiösen Zentrums IMIC, der Synagoge und Gazi Husrev-Beg Bibilothek, waren wir schon sehr auf die Ausführungen von Pater Ivan gespannt. Pater Ivan war lange Chefredakteur der wichtigen Zeitschrift Svjetlo Rijeci, die sich auch im interreligiösen Dialog engagiert. Wir wollten natürlich viel über die heutige Situation in Bosnien-Herzegowina und die Zukunftsaussichten erfahren. Jeder von uns hatte entsprechend seinen Vorinformationen, was er selbst gelesen oder von Bekannten erfahren hatte, „sein“ Bild über die mannigfaltigen geschichtlichen Hintergründe und die „Realitäten“ im ehemaligen Jugoslawien im Allgemeinen und hier in Bosnien-Herzegowina im Besonderen. Und deswegen war es unerlässlich, andere „Bilder“ zu sehen und sein eigenes im Lichte des neuen Bildes zu überdenken und ggf. zu korrigieren.

Stephan Hinzmann berichtet:
Pater Ivan sprach zunächst vom ungeheuerlichen Vertreibungs- und Umsiedlungsprogramm von Menschen im Krieg und danach sowie den massiven körperlichen und seelischen Verletzungen der Überlebenden. Er sprach davon, dass der Krieg noch nicht beendet ist! Er gab ein paar Schlaglichter auf die überaus komplizierte Situation und das Schicksal der betroffenen Menschen, die mit den vorgefundenen Festlegungen und Umständen nach dem Friedensvertrag von Dayton 1995 leben müssen… Zum Beispiel lebten vor dem Krieg noch 120.000 Serben in Sarajevo, mittlerweile sind es nur noch wenige Tausend! Die weitgehend monoethnischen Gebiete der Republika Srpska und Bosnien-Herzegowinas sind ebenfalls ein Problem für die verbliebenen Menschen dieser Ethnien, auch wenn das Zusammenleben „noch nicht getrennter Bevölkerungen“ in den ländlichen Gebieten und in kleinen Städten momentan am schwierigsten ist. Die verbliebenen Kroaten in Bosnien-Herzegowina wollen unbedingt zu Kroatien… Pater Ivan ging auch kurz auf einige Aspekte der verwickelten Geschichte des Bosnienkrieges und speziell auf die unterschiedlichen Kräfte und Interessen innerhalb des Westens ein, aber auch auf einige historische Hintergründe, die bis in die Zeit des 2. Weltkrieges reichen und noch weiter zurück. Die Muslime haben die größten Opfer im Bosnienkrieg zu beklagen, da 2/3 der Todesopfer Muslime sind. Der Großteil der Bevölkerung ist mit dem Überlebenskampf beschäftigt… Zur religiösen Lage angesprochen äußerte Pater Ivan bedeutungsschwer, wir haben das Jahrhundert der Religionen, nicht des Glaubens! Beide Franziskanerprovinzen und auch er persönlich arbeiten an der Überwindung der ethnischen Konflikte. Das bedeutet für ihn das Aufnehmen des Kreuzes Jesu, so wie in der überlieferten Martins-Legende: Den wahren christlichen Auftrag erkenne man daran, dass er nicht leicht zu erwerbende Reichtümer verheißt, sondern dass er harte Arbeit ist, die Geduld benötigt. Nicht die Frage nach der richtigen Religion ist die zentrale Frage, sondern gemäß der im vergangenen Jahrhundert im Rahmen der beginnenden ökumenischen Bewegung herausgearbeiteten Leitlinie für das richtige Handeln (Orthopraxie) als entsprechende Grundlage angesichts der brennenden Herausforderungen der Zeit: Einerseits zur Erreichung des Zieles der Zusammenführung der getrennten Christen und andererseits das friedliche Miteinander aller Religionen.

 

Donnerstag – 21. September – Sarajewo

Vijećnica

Nach dem Frühstück besuchten wir zunächst die „Vijećnica“. Die Vijećnica ist als ehemaliges Rathaus sowie Sitz der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina eines der bekanntesten Gebäude der Stadt.

Während der Belagerung von Sarajevo (1992–1995) wurde das Gebäude und die darin befindliche Bibliothek in der Nacht vom 25. zum 26. August 1992 durch Beschuss serbischer Belagerer schwer beschädigt. Mehr als 2 Millionen Bücher und Dokumente verbrannten. Unter der Leitung des Architekten Nedžad Mulaomerović wurde das Gebäude, auch mit Fördermitteln der EU, ab 1996 wiedererrichtet und restauriert. Am 9. Mai 2014 wurde die wiedererrichtete Vijećnica eröffnet. Sie beherbergt nun Teile der Stadtverwaltung, der Nationalbibliothek und ein Café sowie eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt in den Kellerräumen.

Wir durftenn die wirklich wunderschön und detailgetreu restaurierten Räume und Flure des Hauses bestaunen und die Ausstellung zur Stadtgeschichte in den Kellerräumen besuchen. Dort gibt es sehr alte Bücher zu bewundern, Kleidung von früher, historische Bücher, Messgeräte, viele Bilder die das Leben zu früheren Zeiten darstellen.
Ein großer Teil der Ausstellung befasst sich mit dem Bosnienkrieg 1992 – 1995.

Im Anschluss stand uns ein gewaltiger Fußmarsch zum Kloster der Franziskaner, in Sarajewo-Kovačići, bevor, immer entlang des Flusses Miljacka, vorbei nicht nur an der schon erwähnten welthistorischen Brücke sondern auch an einer Brücke die Gustav Eifel entworfen hat und die im Ansatz kleine Ähnlichkeit zum Turm in Paris aufweist.

In dem großen Komplex des Klosters „Kreuz und Schrein von Nikola Tavelić“ sind verschiedene Institutionen untergebracht. Unter anderem die Leitung der „Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuz – Bosna Argentina“, ein Studierendenwohnheim mit 110 Plätzen und verschiedene caritative Einrichtungen des Franziskanerordens. Der Gebäudekomplex selbst ist sehr groß und wurde 1940-42 als theologische Fakultät und Studienzentrum der Franziskaner erbaut. 1947 mussten die Franziskaner das Gebäude auf Befehl der sozialistischen Regierung verlassen. Bis zum Beginn des Krieges (1992) befand sich in dem Gebäude die Fakultät für Land- und Forstwirtschaft der Universität. Während des Krieges wurde der Gebäudekomplex fast vollständig zerstört. Nach Rückübertragung an die Franziskaner wird das Haus seit 1997 renoviert und rekonstruiert.

Wir besuchten zuerst die Redaktion der Monatszeitschrift Svjetlo riječi (Licht des Wortes), die in Bosnien weit verbreitet ist und die sich religiösen und gesellschaftspolitischen Themen widmet. Der in Deutschland aufgewachsene Redakteur Danijel Stanic berichtete uns von der Geschichte und der aktuellen Entwicklung der Zeitschrift sowie über andere Publikationsprojekte des Verlages, der auch Monografien und Sammelbände herausgibt.

Anschießend besuchten wir Schwester Magdalena Schildknecht, eine Schweizer Franziskanerin, und ihre Assistentin, die für die Hilfsorganisation der bosnischen Franziskaner „Antoniusbrot“ arbeiten. Die beiden Frauen erläuterten uns anhand einer Power-Point-Präsentation die Arbeit und die Finanzierung von „Antoniusbrot“. So betreibt die Organisation ein Zentrum für Gesundheit und Physiotherapie, kümmert sich um Flüchtlinge und Obdachlose, betreibt Kindertagesstätten und Studentenwohnheime und bietet Traumatherapien an. Finanziert wird die Arbeit vorwiegend durch Partnergruppen in der Schweiz, Österreich und Kroatien. Nach dem Gespräch lud uns Schwester Magdalena herzlich zu einem Mittagessen in die Suppenküche von „Antoniusbrot“ ein, die sich ebenfalls in dem großen Gebäudekomplex befindet. Da das Essen der Bedürftigen schon vorbei war, fanden wir Platz in dem kleinen Raum.

Den Rückweg in das Stadtzentrum von Sarajewo bewältigten wir diesmal mit der Straßenbahn und erreichten ausgeruht das Büro des „Interreligiösen Rates Bosniens und Herzegovinas“ (MRV), das sich in der Nähe der Kathedrale befindet. Zwei junge Männer mit Vollbart begrüßten uns und führten uns in einen gediegen ausgestatteten Konferenzraum mit großem ovalem Tisch.

Thomas M. Schimmel berichtet:
Einer der beiden Männer ist Emir Kovačević, Generalsekretär des Interreligiösen Rates. Den Namen des zweiten, jüngeren, Mannes habe ich nicht verstanden: Er ist Mitarbeiter des Rates von katholischer Seite und ehemaliger Franziskaner.

Emir Kovačević berichtet, dass der Interreligiöse Rat vor einiger Zeit sein 20-jähriges Bestehen gefeiert habe. Er sei eine typische Nichtregierungsorganisation, die von fünf traditionellen

Granateinschläge, die nach dem Krieg ausgegossen wurden und so als Mahnmal dienen (Rosen von Sarajewo)

Religionsgruppen getragen werde. Die Repräsentanten der Religionen arbeiteten im Rat vertrauensvoll, gleichberechtigt und transparent zusammen. Dies sei wichtig, führe zu großem Vertrauen und dazu, dass alle Religionsgemeinschaften den Vorteil der Zusammenarbeit erkennen würden. In der Geschäftsstelle arbeiteten hauptamtliche Mitglieder aller Gemeinschaften und sorgten für Kontinuität und Professionalität. Die Präsidentschaft wechsle jedes Jahr von einer Religionsgemeinschaft zur nächsten.

Der Rat wachse weiter und fördere den Dialog der Religionen mit verschiedenen Projekten, um gegenseitige Empathie und Solidarität zu schaffen. So gäbe es 15 kleine Gruppen mit Vertretern aller Religionen, die zu den unterschiedlichen Religionen vor Ort gingen, um die interreligiöse Zusammenarbeit zu implementieren. Dieses Projekt müsse noch mehr wachsen, so Emir Kovačević, es fehle aber an Ressourcen. Außerdem unterstütze der Rat Graswurzelgruppen und helfe ihnen, Initiativen zu entwickeln. Der Rat sei zudem an der breiten gesellschaftlichen Debatte über Fragen des Respekts, des Friedens bzw. Wege zum Frieden beteiligt und stoße immer wieder die Diskussion über Schuld und Gewalt an. Jedes Jahr gäbe es eine Konferenz mit jungen Theologinnen und Theologen, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert werde.

In einer kurzen Fragerunde werden Vergleiche zwischen der interreligiösen Arbeit in Berlin und in Sarajewo gezogen. Dabei wird auch deutlich, dass Berlin noch viel vom MRV lernen kann und die Arbeit, neben der Graswurzelarbeit, sinnvoll und friedensfördernd ist.

 Nach herzlicher Verabschiedung war die ganze Gruppe froh, dass der inhaltliche Programmteil dieses Tages nun beendet war. Man teilte sich in verschiedene Fraktionen: Die einen suchten ein Kaffeehaus auf, andere schauten nach Mitbringseln und die Dritten strebten das Kloster an, um ein wenig zu ruhen. Abends traf man sich in der dem Kloster benachbarten Brauerei auf ein oder zwei Biere – wobei die Gruppe dem Hang der Bosnier, sehr laute Livemusik in der Kneipe zu hören, eher skeptisch begegnete.

 

Freitag – 22. September – Srebrenica

Für diesen Tag ist die Fahrt mit einem eigens für uns gemieteten kleinen Bus nach Srebrenica geplant. Wir starteten sehr früh, denn die voraussichtliche Fahrzeit beträgt 3 Stunden, auch wenn

Srebrenica nur ca. 130 km entfernt ist.

Die Fahrt führte durch viele kleine Ortschaften, die noch immer vom Krieg gezeichnet sind. Mehr als 20 Jahre ist der Krieg nun schon vorbei, aber noch immer sind viele Häuser verlassen, zerstört, sind die Einschüsse zu sehen – es war erschütternd, das zu sehen.

Irgendwann kamen wir in Potočari an – dem sechs km entfernten Vorort von Srebrenica – in dem im Juli 1995 ca. 8.000 männliche Bosniaken von der bosnisch-serbischen Armee, d

Der Friedhof mit Gedenkstätte

er Polizei und Paramilitärs umgebracht wurden. … einfach so. Wir besichtigten die Fabrikhallen, in denen die Männer gefangen gehalten und massakriert wurden. In einer der Hallen ist jetzt ein Gedenkzentrum mit Ausstellung eingerichtet. Auf der anderen Straßenseite ist der große Friedhof, auf dem alle bislang gefundenen Opfer beigesetzt sind. Sowohl die Gedenkstätte als auch der Friedhof wird durch Spendengelder aus den USA finanziert.

 

Die Franziskaner versuchen, versöhnend zwischen den Ethnien und Religionen in Bosnien zu wirken. Dies wird auch daran deutlich, dass sie auf dem Friedhof und in der Gedenkstätte immer wieder präsent sind und Friedensgebete veranstalten. Bei einer Gedenkveranstaltung sagte der Franziskaner und Universitätsprofessor Pater Miro Jelečević: „Srebrenica kann und muss für uns alle ein gemeinsamer Ort des Gedenkens und der Er

Kapelle der Franziskaner am Ort ihres ursprünglichen Klosters

mahnung sein. Dieser Ort warnt uns davor, dass Glaube, Nation oder irgendein anderer Unterschied niemals die Ursache von Verfolgung, Folter und Tötung von Menschen sein darf. Dieser Ort fordert uns auf, unseren jungen Menschen den Respekt gegenüber anderen, die Sensibilität für die Opfer und die Größe der Vergebung zu lehren.“

 

Wir fuhren dann weiter in den Ort Srebrenica, in dem der Ursprung der Franziskaner in Bosnien-Herzegowina liegt. 1291 wurde ihnen dort erlaubt, sich niederzulassen. Das ursprüngliche Kloster gibt es nicht mehr und auch ein Konvent ist in Srebrenica nicht zu finden. Dennoch sind die Franziskaner in diesem überwiegend muslimischen Ort präsent. Wir besuchten den Ort des ursprünglichen Klosters in der Altstadt: Nur Grundmauern und Grabsteine weisen in einem Hinterhof oder Garten, auf die Kirche und das Kloster St. Marija hin, das 1387/1389 gebaut wurde. Auf den Fundamenten der alten Kirche St. Marija wurde nach Plänen des Architekten Alma Simić 1991 anlässlich des 700. Jahrestages der Ankunft der Franziskaner in Bosnien eine kleine Kapelle errichtet, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden. An der Kapelle wartete schon Pater Joso Oršolić , der uns die Geschichte der Franziskaner in Srebrenica und das Engagement des Ordens dort erläuterte.

Bei einem anschließenden Mittagessen trafen wir auch Pater Petar Perica Vidić, der lange Jahre in Frankfurt am Main gewirkt hat sowie Teilnehmer einer internationalen Kunstkolonie ist, die von den Franziskanern initiiert wurde. Jährlich laden die Franziskaner Künstlerinnen und Künstler nach Srebrenica ein. Die während der Kolonie entstandenen Werke werden in einer Ausstellung zusammengefasst. Ziel ist, den Namen Srebrenica positiv zu belegen.

Nach dem Mittagessen wollten wir noch den Imam des Ortes treffen. Trotz der festen Verabredung war er allerdings nirgends zu finden, so dass wir uns auf den Rückweg nach Sarajewo machten. Auch der Besuch in einer orthodoxen Klosteranlage scheiterte, da der Busfahrer die Abzweigung verpasste. Dies bescherte uns einen schönen Umweg entlang der Drina und einen Blick auf das am anderen Ufer gelegene Serbien.

Samstag – 23. September – Mostar

Wiederum starteten wir sehr früh mit unserem kleinen Bus nach Mostar. Auch Mostar liegt nur 130 km von Sarajevo entfernt, für die Fahrt waren wieder ca. 3 Stunden geplant.

Die Fahrt ging durch enge Täler, die meiste Zeit entlang dem Fluss Neretva und es gab wunderschöne Natur und Landschaft zu bewundern. In Mostar fuhren wir zunächst zum

Historische Brücke

Franziskanerkloster mit der großen Kirche St. Peter und Paul, die momentan allerdings renoviert wird. Begleitet von einem Stadtführer und Freund von Jürgen (ehemals ein bekannter Fußballspieler und Filmemacher) gingen wir durch die Altstadt zur berühmten Brücke von Mostar, die wir bei strahlend blauem Himmel betraten. Wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, jungen Männern bei ihrer (gegen Spenden von Touristen) ausgeführten Mutprobe, dem Sprung von der 19 Meter hohen Brücke in den Fluss, zuzusehen.

Durch die Altstadt von Mostar gingen wir weiter zur Moschee, wo wir Yusuf Kafardar treffen, den sehr jungen Imam. Yusuf berichtet uns von seiner Jugendarbeit und zeigt uns seine schöne und alte Moschee. Bruder Jürgen lobt das interreligiöse Engagement von Yusuf Kafardar. Ein wenig irritierend war, dass von fast jeder Stelle Mostars, auch vom Vorplatz der Moschee, der neu gebaute Kirchturm der Franziskanerkirche St. Peter und Paul zu sehen ist. Er ist das höchste Gebäude Mostars und misst 107 Meter Höhe.

Wir ginge

Franziskaner auf dem Dach des Studentenwohnheims mit Blick auf die Kirche

n auf direktem Weg zum neu erbauten Studentenheim der Franziskaner, das unweit des Klosters gebaut wird und fast vollendet ist. Hier – so ist es geplant – sollen später Studenten verschiedener Religionen und Nationen gemischt untergebracht werden. Wir wurden zu einem leckeren Mittagessen eingeladen, bei dem uns Bruder Iko Skoko über die Aktivitäten der Franziskaner berichtete. Mostar gehört nicht zur bosnischen Franziskanerprovinz, sondern zur Provinz von Herzegowina. Das Studentenwohnheim, das auch durch kirchliche Organisationen aus Deutschland, Österreich und Kroatien finanziert wird, soll ein Ort der Begegnung und der Wissenschaft sein. Auf den hohen Kirchturm angesprochen, beton Pater Iko, dass es ein Friedensprojekt sei und in der Aussichtplattform eine Ausstellung zur religiösen Vielfalt und zum Frieden eingerichtet werden soll.

Ein wenig schimmert in den Gesprächen durch, dass es auch bei den Franziskanern verschiedene Ansichten / Strömungen gibt. Auch im Gespräch mit Franziskanern aus Bosnien scheint immer wieder durch, dass die Franziskaner in der Herzegowina in vielen Dingen anders denken.

Leider wartete schon bald wieder der Bus auf uns, denn wir hatten noch den Wallfahrtsort Međugorje auf dem Programm. In dem Wallfahrtsort angekommen, sahen wir große Flächen mit Bänken für die großen Gottesdienste, ganze Beichthäuser mit sehr vielen Beichtstühlen, aber gar nicht so viele Menschen. Es gab ein Zeitfenster von ca. 30 min, in  dem wir die Wallfahrtskirche und einen Ort der Stille (kleine Kapelle etwas abseits) besuchen konnten.

Die Heimfahrt führte wieder durch die sehr schöne und eindrückliche Landschaft, entlang dem Fluss. Den Abend verbrachten einige aus der Gruppe gemeinsam in einem Restaurant über dem Fluss oberhalb der Altstadt. Einige brauchten nach den anstrengenden Tagen auch einmal einen ruhigen Abend für sich.

 

Sonntag – 24. 9.2017: Visiko und Kraljeva Sutjeska

Leider mussten wir uns schon am 24. September von Bruder Jürgen verabschieden, der kurz vor unserer Reise zum Generaldefinitor gewählt worden war und nun direkt von Sarajevo nach Rom flog, um dort seine neue Aufgabe zu übernehmen. Nach dem Frühstück fuhren wir mit unserem Bus ins nahe gelegene Visiko und trafen dort Pater Ivan Nujic, den Leiter des franziskanischen Internats und der Sekundarschule.

Gerdi Nützel berichtet:
Die franziskanische Sekundarschule in Visiko hat eine lange Tradition von 125 Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die bis dahin bestehenden Seminare zur Vorbereitung von

Gymnasium und Internat

franziskanischen Schülern auf das Theologiestudium vereinigt und ab 1900 fand deren Unterricht in dafür errichteten Räumen in Visiko statt. Die Schule wuchs bis 1940 auf 536 Schüler unterschiedlicher Religionen an. Ab 1920 sorgten franziskanische Schulschwestern für die praktischen Bedürfnisse. 1928 wurde das Internatsgebäude gebaut, das 1945 der Schule weggenommen wurde und zunächst der Jugoslawischen Armee und dann bis 2005 der Federation Army als Kaserne diente.

Der Schulbetrieb konnte nach einem Verbot 1945 ab 1947 wieder aufgenommen werden, aber zunächst nur für franziskanische Seminaristen. Die Schulbildung dort wurde bis 1992 staatlicherseits nicht anerkannt, so dass Absolventen Probleme hatten, ihre Ausbildung an staatlichen Universitäten fortzusetzen.

Vor der Wiedereröffnung 2007 als einziges Gymnasium mit humanistischen Bildungsangeboten wie Latein und Griechisch erfolgte eine gründliche Renovierung. Jetzt stehen mit modernen Klassenräumen, Computer- und Sprachlaboren, einer Turnhalle mit Fußbodenheizung, einer großen Schulbibliothek, speziellen Förderungsangeboten in den Bereichen Sport, Musik und Literatur, Unterstützung von Initiativen der Schüler und Schülerinnen bei der Erstellung einer Schülerzeitung sowie eines Bandbetriebs und Räumen für zwangloses Zusammenkommen schöne Räume für vielfältige Aktivitäten zur Verfügung. Eine gut organisierte Ehemaligenarbeit trägt dazu bei, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl über die Schulzeit hinaus erhalten bleibt. Die Anzahl der Priesterkandidaten, die aus der Schule erwachsen, ist jedoch in den letzten Jahren immer geringer geworden, von rund einem Drittel der Schüler sank sie im letzten Abiturjahrgang auf vier Schüler.

Die Schul- und Internatsgebäude werden ergänzt durch die Kirche, die während des letzten Krieges einen Tag vor Weihnachten erhebliche Schäden erlitt, die jedoch durch die vereinte Hilfe der Bevölkerung, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit in einer gemeinsamen Aktion behoben wurden, so dass dort trotzdem gemeinsam die Christnachmesse gefeiert werden konnte.

Der große Schulgarten dient zur Versorgung der Schule. Die Brüder stellen in der Tradition einer Franziskanerin, die seit den 1970er Jahren den Schulgarten bewirtschaftete, Körbe mit Obst und Gemüse raus, aus denen sich Arme ohne zu fragen bedienen können.

Die für diese Region außergewöhnlich gut ausgestattete Turnhalle wird auch für Sportveranstaltungen der Zivilgesellschaft zur Verfügung gestellt. So fand während unseres Besuches ein Judo-Turnier der Judoclubs des Bezirks statt, an dem Jungen und Mädchen (z.T. mit Kopftuch) antraten, um Gürtelprüfungen zu machen. Pater Ivan wurde von den Kindern stürmisch begrüßt.

Die Bibliothek enthält etwa 60.000 Bücher und viele Zeitschriften. Sie steht neben den Schulangehörigen auch für weitere Interessentinnen und Interessenten offen.

In weiteren Räumen finden sich wertvolle historische Zeugnisse aus prähistorischer, illyrischer, römischer und altbosnischer Zeit. Eine ethnografische Sammlung ergänzt dies.

Das Grundprinzip der Schule beschreibt Fr. Ivan Nujic als stellvertretender Schulleiter so, dass Grundlage für den Umgang mit andersgläubigen Schülerinnen und Schülern sowie der andersgläubigen Mehrheitsgesellschaft der Respekt und die Liebe sind, während der Gedanke der Mission abgelehnt wird. Dies schaffe Vertrauen und mache Zusammenarbeit möglich.

Zu seinem Bedauern gehen viele der katholischen Absolventen und Absolventinnen nach der Schule oder dem Studium weg, weil sie vor Ort keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bekommen. Die meisten der katholischen Absolventinnen und Absolventen haben einen kroatischen Pass und damit Zugang zur EU – im Unterschied zu den muslimischen Schülerinnen und Schülern. Wer einen Arbeitsplatz in Bosnien bekommen will, wird gefragt, ob ihn eine Partei „begleite“. Nur wer so Teil des mafiösen Beziehungsnetzes in Politik und Wirtschaft werde, habe eine Chance. Grundsätzlich fehlen die vielen früheren qualifizierten Arbeitsmöglichkeiten zum Beispiel hier in Visiko in der Textil- und Lederindustrie, weil die im Krieg zerstörten Produktionsstätten nicht wieder aufgebaut wurden. Auch viele  Eltern der Internatsschülerinnen und -schüler arbeiten im Ausland und sehen nur selten ihre Kinder.

 Nach dem Mittagessen mit den Brüdern im Konvent der Franziskaner fuhren wir gemeinsam mit Pater Ivan ein paar Kilometer weiter in die muslimische Madresa (Oberschule und Internat) für muslimische Schüler/innen. Dort trafen wir Dzenan Rezakovic, den stellvertretenen Schulleiter. Das Gelände ist großzügig. Schule und Internat bestehen aus verschiedenen Gebäuden. Eine Moschee krönt den Hügel, auf dem sich die Madrasa befindet. Während unseres Gespräches füllte sich das Gelände mit Schülerinnen und Schülern, die aus dem Wochenende zurück ins Internat kamen.

Gerdi Nützel berichtet:
Die muslimische Schule für heute etwa 500 Schülerinnen und Schüler entstand aus der Eigeninitiative eines Lehrers während des letzten Krieges, weil die Schülerinnen und Schüler nicht mehr die staatlichen Schulen besuchen konnten. Sie wuchs mit Hilfe von 5.000 kleineren und größeren Spenden aus Bosnien aber auch aus dem arabischen Raum auf einen großen Schulkomplex mit einem großen Internatsgebäude für 500 Schülerinnen und Schüler in geschlechtsgetrennten Unterrichts- und Internatsgebäuden heran. Diese werden ergänzt durch eine „alte“ Moschee, deren Raum inzwischen zu klein ist und die nach der Fertigstellung der neuen größeren Moschee als Bibliothek genutzt werden wird, sowie durch Wohnhäuser für die Lehrkräfte und weitere

Campus der muslimischen Schule

Mitarbeiter.

Der Schulunterricht umfasst einerseits den staatlichen Lehrplan, aber besteht zu einem Drittel auch aus islamischem Unterricht, weil die Madrasa auch ein Drittel der Schülerinnen und Schüler auf ihre zukünftige Arbeit als Imame vorbereitet. Dieses und das fünfmalige Beten, das Tragen islamischer Kleidung, vor allem auf Seiten der Frauen, führen dazu, dass offensichtlich ausschließlich muslimische Schülerinnen und Schüler dort ausgebildet werden. Sie kommen zum großen Teil aus Bosnien-Herzegowina, zum kleineren Teil kommen sie auch aus der weltweiten Diaspora, weil ihre Eltern Interesse an einer qualifizierten islamischen Ausbildung, inklusive der Vermittlung der bosnischen Traditionen haben. Für letzteres steht ein historisches Kabinett zur Verfügung, in dem neben Waffen auch handwerkliche Zeugnisse der Volkskunst ausgestellt sind.

Für die Freizeitbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler steht ein Laden und Sportplatz zur Verfügung.

Mit der franziskanischen Schule finden gemeinsame Sportturniere statt.

Es wird großen Wert auf ethisches Verhalten entsprechend der muslimischen Regeln gelegt. Dies bedeutet zum Beispiel, dass personenbezogene Spenden abgelehnt werden und Transparenz im Umgang mit Ressourcen praktiziert wird – teilweise zur Verwunderung mancher Eltern.

Beide Schulverantwortlichen plädieren dafür, dass die Schulen für ein gutes Zusammenleben in der Zukunft erziehen sollen. Aus den Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass es verschiedene Konzeptionen von Versöhnung gibt. Zum einen die Versöhnung, die die Sieger propagieren, die nach ihren Maßstäben geschehen soll und ihre Position sichern und nicht in Frage stellen soll. Zum anderen die Versöhnung der Minderheiten, die in Habachtstellung bleiben und mit denen nicht auf Augenhöhe umgegangen wird. Und zum dritten die Versöhnung nach religiösen Maßstäben, die auf Vertrauen beruhe, wobei immer wieder geprüft werden muss, ob es trägt und hält.

Kraljeva Sutjeska

Ein großes Problem ist, dass sich das quantitative Verhältnis zwischen den nationalen/religiösen Gruppen verändert, weil viele katholische Menschen die Region verlassen. Auffällig ist die Unterstützung katholischer Projekte durch die kroatische Seite und die Unterstützung muslimischer Projekte, sowohl von Schulen als auch von eher fundamentalistisch orientierten modernen Moscheen mit vielfältigen Bildungsangeboten aus dem arabischen Raum.

 Gestärkt mit bosnischem Kaffee und einem sehr leckeren, süß eingelegten Apfel, mit dem uns Prof. Rezakovic seine Gastfreundschaft erwies, fuhren wir weiter zum Franziskanerkloster Kraljeva Sutjeska.

Am Ende eines Tals empfing uns die mächtige Franziskanerkirche mit angebautem Konvent. Die Ursprünge der Franziskaner in dieser Region gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. In Kraljeva Sutjeska befand sich früher auch eine Burg und in unmittelbarer Näher die Festung Bobovac, die Sitz bosnischer Könige war. Die heutige Kirche stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie ist – wie übrigens alle Franziskanerkirchen und -klöster, die wir besuchten mit moderner und alter Kunst ausgestattet. In der Kirche von Kraljeva Sutjeska beeindruckte uns vor allem das Antependium am Altar: Es ist ein Kruzifix. Jesu Arme haben die Spannbreite des Altares und sein überdimensionaler Körper ist nur oberhalb der Brust zu sehen.

In der Kirche begrüßte uns Bruder Željko Brkić, der Kurator des Museums. Er gab uns eine kurze Einführung in die Geschichte des Klosters und der Kirche und führte uns dann in das Archiv und Museum des Klosters. Dort konnten wir Inkunabeln und alte Handschriften, volkstümliche Stickkunst, alte und moderne Bilder sowie liturgische Geräte bestaunen. Zu sehen ist auch die originale Abschrift der Urkunde (Ahdnama), mit der Sultan Mehmed II El Fatih den bosnischen Franziskanern Religionsfreiheit garantierte.
Nicht ohne eine Stärkung bestiegen wir nach drei Stunden wieder den Bus und fuhren zurück nach Sarajewo.

 

Montag – 25. 9.2017: Abreise

Der Vormittag des nächsten Tages bot allen Reiseteilnehmern vor der Abreise nochmals Gelegenheit für individuelle Spaziergänge, Einkäufe etc.

Friedhof an der Staße Logavina – Schauplatz des lesenwerten Buches „Die Rosen von Sarajewo“ von Barbara Demick

Insgesamt hat uns diese Reise auf ein unbekanntes Terrain geführt. Auch wenn einige Teilnehmende schon vor Jahren Bosnien besucht hatten und vieles wiedererkannten, erlebten sie ein

zerrissenes und verletztes Land. Krieg und gesellschaftliche Zersplitterung begegneten uns bei allen unseren Terminen. Alle Gespräche waren geprägt von den Erfahrungen der langen und konfliktreichen Geschichte Bosnien-Herzegowinas.

Besonders erschüttert waren wir von der Konfrontation mit den Massakern in Srebrenica, das uns nochmals vor Augen führte, wie fragil Frieden und gesellschaftlicher Zusammenhalt sein können. In den vielen Begegnungen mit Franziskanerinnen und Franziskanern, aber auch mit Muslimas und Muslimen erlebten wir aber auch einen ungebrochenen Willen zu Versöhnung und Frieden. Viele Menschen engagieren sich in der interreligiösen Arbeit und lassen sich durch Korruption, wirtschaftliche Missstände und das Ausbluten des Landes nicht entmutigen.

Wir sind für die vielen Begegnungen, Gespräche, Einblicke und Informationen dankbar.

 

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