Migration, Pluralität, Konflikte: Dialogische Mission und Lösungsansätze des franziskanischen Charismas

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Im Oktober 2017 hielt Dr. Thomas M. Schimmel einen Vortrag auf dem jährlichen Studientag des Forums der Weltreligionen Wien mit dem Titel „Migration, Urbanisation, Pluralität, Konflikte. Monistische Lösungsansätze des franziskanischen Charismas“.  Der Studientag fand zum Thema „Von kolonialer zu dialogaler Weltmission. Das Potential der Ordensspiritualitäten für die Weltkirche im 21. Jahrhundert“ in Wien am 22. und 23. Oktober 2017 statt. Wir dokumentieren den Vortrag hier:

 

Migration, Pluralität, Konflikte.
Dialogische Mission und Lösungsansätze des franziskanischen Charismas
[1]

von Dr. Thomas M. Schimmel, Geschäftsführer der franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V., Berlin.

Einleitung

Kirche und Ordensgemeinschaften erleben in Europa derzeit einen großen Umbruch. Es ist zu beobachten, wie Kirche und christlicher Glauben in die Defensive geraten sowie Mitglieder und Einfluss verlieren.[2] Die Ordensgemeinschaften erleben dabei, wie ihnen zunehmend der Nachwuchs fehlt und es zu einer Überalterung der Gemeinschaften kommt.[3] Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass Religion insgesamt keineswegs auf dem Rückzug ist, sondern dass sich die Gesellschaft, die über Jahrhunderte (halbwegs) religiös homogen war, nun pluralisiert.[4]

Diese Pluralisierung bedeutet für den Missionsauftrag der christlichen Gemeinschaft, wie er in Mt 28,17 ausgedrückt ist, die Notwendigkeit einer Neujustierung. Der Titel des Studientages 2017, „Von kolonialer zu dialogaler Weltmission. Das Potential der Ordensspiritualitäten für die Weltkirche im 21. Jahrhundert“, deutet diese Neujustierung an. Und auch in den Leitfragen zur Tagung wird klar, dass sich die Kirche, die Gläubigen und die Ordensgemeinschaften mit neuen Fragen zur Mission auseinandersetzen müssen. Die Fragen lauten komprimiert:

  1. Ist Mission nur ein anderer Ausdruck für Dialog?
  2. Wie können die Orden ausgehend von ihrem Charisma mit dem dialogischen Anspruch anderen Kulturen und Religionen begegnen?
  3. Welches sind die Themen und Praktiken, die anderen heilig sind und die wir daher schätzen wollen?

Ausgehend von diesen Fragen will dieser Beitrag das Thema aus franziskanischer Sicht beleuchten. Dabei soll in folgenden Schritten vorgegangen werden:

  1. Gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme
  2. Das franziskanische Charisma
  3. Franziskus als verbindendes Band
  4. Ausblick

 

  1. Gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme

Unter dem Begriff Globalisierung verstehen wir, dass sich die nationalen Grenzen auflösen. Dies gilt nicht nur für den Strom an Informationen und Kommunikation, sondern auch für den Warenverkehr und die Wanderungsbewegungen von Menschen. Mit dieser Grenzauflösung geht eine permanente und schnelle Veränderung und Pluralisierung der Gesellschaft einher, die von Menschen Lernleistungen verlangt, mit der vorherige Generationen so nie konfrontiert waren. Mit neuen technischen Innovationen muss umgegangen werden, neue Arbeitsformen entstehen und neue Menschen kommen in die Nachbarschaft, die andere Umgangsformen, Essgewohnheiten und Kulturen mitbringen.

Das betrifft auch den Bereich des Glaubens. Seit den 1960er Jahren können wir eine tiefgreifende Veränderung des religiösen Lebens in Westeuropa beobachten. Die Zahl der Mitglieder und der Einfluss der großen Kirchen gehen aus unterschiedlichen Gründen zurück: Als Beispiele seien Finanzskandale, Missbrauchsskandale, reaktionäre und antimoderne Reflexe der Amtskirchen, aber auch eine über Jahrzehnte bis in die 1990er Jahre andauernde antireligiöse und antikirchliche Politik im Osten Europas genannt.

Gleichzeitig erleben wir eine Pluralisierung des gesellschaftlichen und damit einhergehend auch des religiösen Lebens in Europa. Zum Beispiel durch Einwanderung: Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen – Flucht, Arbeitsmigration oder einfach aus der Lust, an einem anderen Ort zu leben. Sie bringen ihre Religionen, ihre Sprachen und ihren Lebensstil mit. Dies wird oftmals als Bedrohung empfunden, weil es keine gewachsenen Berührungspunkte gibt, an denen man sich kennenlernen und begegnen kann.

Dass diese Entfremdung zu einer gefährlichen Störung des gesellschaftlichen Friedens und zur Gefahr der Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile führen kann, zeigen nicht nur populistisch geführte Wahlkämpfe, sondern auch Demonstrationen der Pegida-Bewegung, Anschläge auf Synagogen, Moscheen und Kirchen sowie Gewalt gegen Menschen, die sichtbare Zeichen ihrer Religiosität tragen. In Deutschland wurden 2017 über 950 registrierte Angriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen verzeichnet.[5] Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Auch antisemitische Straftaten und Übergriffe auf kirchliche Einrichtungen steigen seit Jahren an.[6] Bestärkt werden Ressentiments auch durch Äußerungen von Verantwortungsträgern und einer Berichterstattung in den Medien, die häufig unfair und ausgrenzend ist.[7] So hielt es der deutsche Innenminister Seehofer am Tag nach seiner Vereidigung für nötig zu betonen, „dass der Islam nicht zu Deutschland“ gehöre.[8] Religiosität wird so zum Fremd-, Feind- und Zerrbild.

Verstärkt wird dieses Misstrauen durch vermeintlich religiös motivierte Gewalttaten sowie die Krisenherde im Nahen Osten und in zahlreichen arabischen Staaten. Der Islam, der von Millionen Menschen seit Jahrzehnten in unseren Ländern friedlich praktiziert wird, gerät in den Fokus. Der radikalisierte und fundamentalistische Islam wird als Normalität wahrgenommen und die Anschläge, Entführungen und Morde islamistischer Terrorgruppen wie des IS in Syrien, der Hamas in Palästina oder von Boko Haram in Nigeria prägen das Bild des Islam in weiten Teilen unserer Gesellschaft.

Das Misstrauen, der Ansehensverlust und der seit Jahrzehnten zu beobachtende Rückgang der religiösen Bindung führen zu einer Entfremdung der Mehrheitsgesellschaft von den Religionen und zu Konflikten. Religionen an sich, religiöse Riten und Traditionen, aber auch religiöse Menschen treffen immer häufiger auf Unverständnis. Dies zeigen u. a. die teilweise sehr unsachlich geführten Debatten um Kopftücher, Zölibat, Moscheebauten, Sonntagsarbeitsverbot oder Beschneidung.

Offensichtlich spielt die christliche Religion allerdings nach wie vor eine Rolle. In Reden wird die christlich-abendländische Tradition betont, der Sonntag, arbeitsfreie Feiertage wie Weihnachten, Ostermontag oder Pfingstmontag oder der adventlich-weihnachtliche Schmuck auf öffentlichen Straßen und Plätzen sowie Kirchbauten aus vielen Epochen prägen das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und das Aussehen unserer Städte. Die beiden großen christlichen Kirchen sitzen in Deutschland in Rundfunkräten und sie spielen in der lokalen Politik, bei der Gesetzgebung, besonders aber in der sozial-caritativen Arbeit eine herausragende Rolle.

Gleichzeitig werden aber auch andere Religionen, wie der Islam und der Hinduismus beispielsweise, in den Stadtbildern präsenter: in Berlin zum Beispiel mit der Şehitlik-Moschee am Tempelhofer Feld mit ihrem großen Kuppelbau und den Minaretten oder mit dem bunten, mit zahllosen Gottheiten außen verzierten Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln. Auch das neu entstandene jüdische Leben in den großen Städten oder die vielen buddhistischen Zentren sind in diesem Kontext zu sehen.

Blickt man unter die Oberfläche der Gesellschaft, so zeigt sich also ein komplexes Feld, in dem viel Neues entsteht, aber mit dem Verschwinden christlicher Bindungen auch das Wissen um christliche religiöse Werte und Traditionen verlorengeht. Die Religionssoziologie spricht vom Traditionsabbruch, der nicht rückgängig zu machen ist. Traditionswandel und Traditionsabbrüche sind aber immer wieder nötig. Anders kann Neues nicht entstehen. Das Christentum und seine lange Geschichte geben dafür Beispiele, wenn wir an die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die vollständige und undiskutierbare Ablehnung von Antisemitismus, die Religionsfreiheit, die Haltung zu den Menschenrechten oder die Toleranz gegenüber Homosexualität denken.

Unsere gesellschaftspolitische Situation ist also in allen Bereichen durch einen immer größer werdenden Pluralismus geprägt. Das Christentum ist zwar noch die Religion der Mehrheit – aber das Ende volkskirchlicher Strukturen ist schon längst eingeleitet. Dieser Pluralismus fordert das Christentum zu einer Neubestimmung des Missionsbegriffes heraus. War man im Mittelalter und in der Kolonialzeit bemüht, Gesellschaften homogen zu gestalten (cuius regio, cuius religio)[9], weil man sich keine friedliche heterogen-pluralistische Gesellschaft vorstellen konnte, müssen wir heute lernen, mit der globalen Fremdheit und dem Anderssein in allen Bereichen umzugehen. Ein Missionsbegriff, der dabei von einem absoluten Wahrheitsanspruch ausgeht und darauf abzielt, Menschen zu Christen zu machen, Menschen zu (re-)evangelisieren oder das Christentum als alleinseligmachenden Glauben zu installieren, ist dazu geeignet, Unfrieden und Konflikte zu schüren, nicht aber den gesellschaftlichen Frieden herzustellen und zu sichern. Er steht damit im Widerspruch zu Jesu absolutem Liebes- und Friedenspostulat, wie es zum Beispiel in Mk 12,28ff oder Mt 5,9 formuliert ist. Ein moderner Missionsbegriff, der einerseits die Verkündigung ernstnimmt und andererseits die Realität nicht ignoriert, muss darum klar dialogisch sein. Er darf sich weder auf Begegnung noch auf Belehrung beschränken oder sogar fokussieren, sondern muss anerkennen, dass sich Gott auf verschiedene Weisen den Menschen offenbart und zugewandt hat. Am Ende sind wir ja auch in diesem Bereich keine Wissenden, sondern nur Gläubige, die die Spuren Gottes suchen und im Austausch seine Zeichen deuten wollen.

 

  1. Das franziskanische Charisma

Hier kommen nun Franziskus und das franziskanische Charisma ins Spiel – Franziskus übte in seinem Leben sowohl den Traditionsabbruch aus als auch den Dialog. Dabei hatte er kein schlechtes Gewissen, sondern ein ungebrochenes Gottvertrauen: „Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte“, schrieb er in seinem Testament.[10] Er verließ sich nur auf Gott und entwickelte aus der alten Botschaft Jesu neue Ideen für ein friedliches Zusammenleben.

Anhand von Texten und Begegnungen kann erläutert werden, warum sich aus dem franziskanischen Charisma eine besondere Affinität zum Religionsdialog und zur religionsübergreifenden Zusammenarbeit, vor allem mit dem Islam, ergibt. Für Franziskus wurde nämlich jede Begegnung mit einem anderen Geschöpf zu einer Gottesbegegnung. Er entdeckte in allen und in allem Gott – und er entdeckte in allem die Geschwisterlichkeit der gesamten Schöpfung. Die zahlreichen Geschichten berichten davon: Ob Papst, Räuber, Bischof, Bettler, Aussätziger oder Wolf, gläubig oder ungläubig: Franziskus hielt sich nicht an die kirchlichen oder gesellschaftlichen Konventionen und Grenzen. Von dieser Hochachtung und Geschwisterlichkeit spricht auch der Sonnengesang Bände, in dem alle Geschöpfe, sogar der Tod, als Brüder und Schwestern angesprochen werden.

Als Ausdruck dieser Gemeinschaft gab Franziskus seinen Brüdern in der Ordensregel klare Anweisung, wie sie handeln sollen, wenn sie in die Welt ziehen (Kapitel 3):

10Ich rate aber meinen Brüdern, warne und ermahne sie im Herrn Jesus Christus, dass sie, wenn sie durch die Welt ziehen, nicht streiten, noch sich in Wortgezänk einlassen, noch andere richten. 11Vielmehr sollen sie milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und mit allen anständig reden, wie es sich gehört.[11]

In der Nichtbullierten Regel[12] bezog er dieses Handeln explizit auf den Umgang mit Andersgläubigen: Dort heißt es ergänzend, dass sie „jeder menschlichen Kreatur untertan“ sein sollen und „bekennen, dass sie Christen sind“. Der Abschnitt in der Bullierten Regel weist eine interessante Symmetrie auf: Den drei negativen Aussagen stehen sechs positive Aussagen gegenüber.

Streiten, Zanken, Richten auf der einen Seite stehen den Begriffen milde, friedfertig, bescheiden, sanftmütig, demütig, anständig gegenüber. Dies zeigt, welchen Stellenwert das Positive gegenüber dem Negativen für Franziskus hatte.[13]

Seine praktische Umsetzung fand dies alles in der Begegnung von Franziskus mit Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik im Jahr 1219. Oder eigentlich ist es umgekehrt: Diese Regeln waren Folge der Begegnung von Franziskus und Al-Kamil.

Franziskus reiste 1219 nach Ägypten, um in einer Gefechtspause das geistliche und politische Oberhaupt der Muslime zu treffen. Er erhielt Einlass in das Heerlager, nachdem er betont hatte, dass er ein Christ sei, und begegnete dem Sultan. Über die Begegnung gibt es wenig Nachrichten. Ein Brief des Bischofs Jakob von Vitry lässt uns über das Treffen wissen:

Ihr Meister, der diesen Orden gegründet hat (er heißt Bruder Franziskus, ein liebenswerter und von allen verehrter Mann) war damals zu unserem Heer gestoßen. In seinem Eifer für den Glauben ließ er sich nicht davon abhalten, in das Heer der Feinde hinüberzugehen. Obwohl er den Sarazenen während mehrerer Tage das Wort Gottes predigte, richtete er nur wenig aus. Doch der Sultan, der König von Ägypten, bat ihn insgeheim, für ihn zum Herrn zu beten, damit er auf göttliche Erleuchtung hin derjenigen Religion anhangen könnte, die Gott mehr gefalle.[14]

Das bemerkenswerte an diesem Text ist, dass durch ihn eventuell die Frage durchscheint, die Franziskus mit Al-Kamil diskutierte: Die Frage nach der richtigen Religionsausübung. Denn Franziskus wird im Lager der Muslime deren Religionspraxis wahrscheinlich miterlebt haben. Er wird den Muezzin gehört und erlebt haben, wie sich der Sultan und seine Begleiter fünf Mal am Tag zum Gebet zurückzogen. Sicherlich nahm er am Freitagsgebet teil. Er wird gesehen haben, wie die Gläubigen das Gebet „Die 99 schönsten Namen Gottes“ rezitiert haben. Und vielleicht war er beeindruckt von der Frömmigkeit, der Universalität und sogar der äußeren Gebetshaltung der Muslime – wo er selbst dem Gebet eine große Bedeutung beimaß. Eventuell erfuhr er auch etwas von islamischer Solidarität, dem Zakat, und der Haltung, dass die Gemeinschaft den einzelnen nicht im Stich lässt. Ihm wird muslimische Gastfreundschaft zuteilgeworden sein. Er wird vermutlich die Orthopraxis islamischer Religionsausübung erfahren haben. Vielleicht ist es das, was die Frage ausdrücken will, deren Antwort der Sultan von Gott erhoffte: welche Glaubenspraxis ihm, dem allmächtigen und allbarmherzigen Gott der Juden, Muslime und Christen mehr gefalle.

 

  1. Franziskus als verbindendes Band

Die Folgen der Begegnung von Franziskus und Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik sind vielfältig und schlagen sich in Geschichten, Briefen, Texten und in der Tradition der franziskanischen Bewegung nieder. Interessanterweise gibt es über die Begegnung und die Reise von Franziskus in den Nahen Osten selbst keine primären Aufzeichnungen oder Dokumente, auf die wir zurückgreifen könnten. Im Prinzip steht nur fest, dass Franziskus dort war. Biographische Berichte über seine Reise sind viel später entstanden und vor dem Hintergrund politischer und hagiografischer Motive zu lesen. Die Wertung franziskanischer Geschichten, Briefe, Texte oder Traditionen als Folge der Begegnung ist daher immer mit Vorsicht zu sehen und immer nur Ausdruck der Interpretation der Geschichte. Inwieweit diese Interpretation des Autors am Ende schlüssig ist, muss der Leser/die Leserin am Ende selbst entscheiden.

 

  • Nichtbullierte Regel

Nach seiner Rückkehr aus dem heiligen Land setzte Franziskus die Arbeit am Entwurf seiner Ordensregel fort. Er tat dies mit „Gottes Hilfe und dem Rat der Brüder“[15] und ließ in Artikel 16 (Von denen, die unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen)[16] seine Erfahrungen der Reise nach Damiette einfließen:[17]

5Die Brüder, die dann hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. 6Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. 7Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden, damit jene an den allmächtigen Gott glauben, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den Sohn, den Erlöser und Retter, und sich taufen lassen und Christen werden; denn wer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und Heiligem Geist, kann nicht in das Reich Gottes eingehen.

Dieser Abschnitt ist bemerkenswert, da wir in ihm keinerlei Spuren der Islamophobie der damaligen Zeit finden, dafür aber den Kern franziskanischer Haltung gegenüber allen Lebewesen: Franziskus verlangt, dass die Brüder allen Menschen untertan sind – auch den Muslimen. Heute würde Franziskus statt untertan vielleicht eher den Begriff der Demut und das Vermeiden jeglicher Hybris verwenden. Die Idee, dass Christen Menschen anderer Religion untertan sein sollten, war für das damalige Verständnis eigentlich unerhört und löste sicherlich Diskussion aus. Christen sollten sich eben nicht Juden oder Muslimen unterwerfen. Darum war es ihnen bei Strafe der Exkommunikation zum Beispiel auch verboten, die Hilfe von Muslimen bei der Reise zu den heiligen Stätten im heiligen Land anzunehmen.[18] Das Laterankonzil von 1215 beschloss eine Kennzeichnungspflicht für Juden, verbot die Übernahme von Ämtern und stellte die ewige Knechtschaft der Juden fest,[19] Maßnahmen, die in krassem Widerspruch zu Franziskus‘ Haltung standen.

Trotz aller Toleranz gegenüber den Menschen muslimischen Glaubens war Franziskus aber dennoch der Überzeugung, dass man seine eigene Haltung nicht verleugnen dürfe. Das Bekenntnis zum Christsein und auch die Aufforderung, das Evangelium zu verkünden, sollten bei aller Demut nicht vergessen werden. Doch Franziskus gibt in diesem Textabschnitt einen wichtigen Hinweis, der jedes respektlose Missionieren verhindern sollte. Dieser Hinweis ist noch heute maßgeblich für den franziskanisch geprägten interreligiösen Dialog: Über den Glauben diskutiert man nur, wenn es Atmosphäre und Situation zulassen – oder mit den Worten Franziskus‘: „wenn es Gott gefällt“.

Wir haben in diesem Abschnitt der nichtbullierten Regel ein kompaktes Kompendium des interreligiösen Dialoges, der Frieden stiften will: Nicht Streiten, nicht Zanken, seinen Glauben nicht verleugnen, und nur über den Glauben sprechen, wenn der Zeitpunkt günstig ist.

 

  • Lebensbeschreibung des Thomas von Celano

In der Lebensbeschreibung des Thomas von Celano findet sich eine interessante Geschichte:[20]

  1. 2Wenn er daher irgendwo, sei es auf der Straße oder in einem Hause oder auf dem Boden etwas Geschriebenes fand, egal, ob Gottes- oder Menschenwort, so hob er es mit der größten Ehrfurcht auf und legte es an einem heiligen oder wenigstens sauberen Ort nieder; er tat dies aus der Sorge, es könnte der Name des Herrn oder ein auf ihn sich beziehendes Wort darauf geschrieben sein. 3Als ihn eines Tages ein Bruder fragte, warum er auch die Schriften der Heiden und solche, in denen der Name des Herrn nicht stand, so eifrig sammle, antwortete er: „Mein Sohn, weil in ihnen die Buchstaben vorkommen, aus denen man den glorwürdigsten Namen des Herrn, unseres Gottes, zusammensetzen kann. 4Auch gehört das Gute, das sich dort findet, nicht den Heiden noch sonst irgendwelchen Menschen, sondern Gott allein, dem jegliches Gute zu Eigen gehört.“

Die kleine Episode lässt Franziskus einmal mehr als Freak erscheinen, der ungewöhnliche Verhaltensweisen an den Tag legte und der ein besonderes Verhältnis zu Gott hatte. Als gelernter Kaufmann konnte Franziskus natürlich lesen und schreiben. Diese Kulturtechnik war in seiner Zeit nicht sonderlich verbreitet, sondern eher ein Privileg der Geistlichen und Ordensleute, aber auch da nicht durchgehend die Regel. Wenn Franziskus auf der Straße etwas Geschriebenes fand, dann waren das natürlich Kostbarkeiten, weil Papier oder Pergament teuer war und schreibende Menschen selten. Aber der Text weist auf eine andere Kostbarkeit hin, die Franziskus wahrgenommen hatte: Gott ist die eigentliche Kostbarkeit und schon sein geschriebener Name oder sogar die einzelnen Buchstaben davon gebieten Ehrfurcht. Diese Ehrfurcht veranlasste Franziskus, mit Schnipseln umzugehen, wie ein Muslim mit dem Koran: Er säuberte sie und legte sie an einen heiligen oder wenigstens an einen sauberen Ort. Für Muslime ist der Koran die materialisierte Gegenwart Gottes, ähnlich wie für Christen die geweihte Hostie. Sie gehen sorgsam mit ihm um, hüllen ihn zum Schutz in kostbare Tücher und legen ihn an den höchsten Ort im Haus, damit ihm nichts geschieht.

In dem Text ist aber noch eine kleine Anmerkung, die aufmerken lässt: Franziskus bezieht sich ausdrücklich auf die Schriften der Heiden, vermutlich auf die der Muslime, und macht deutlich, dass auch diese Texte Heiliges enthalten. Er betont, dass Gott der Ursprung und der Besitzer allen Gutes ist und Menschen, egal welcher Religion, es nicht für sich vereinnahmen können.

Auch diese Geschichte scheint sich aus der Erfahrung des Aufenthaltes im muslimischen Lager zu speisen: Denn dort hatte er erlebt, wie die Muslime mit dem nach ihrer Auffassung wahren Wort Gottes umgingen: Sie vereinnahmten das Wort Gottes auf der einen Seite für sich, aber auf der anderen Seite gingen sie so sorgsam mit ihm um, dass es für Franziskus offensichtlich Vorbildcharakter hatte.

 

  • Brief an die Lenker der Welt

In den Jahren vor seinem Tod (1226) verfasste Franziskus eine Reihe von Briefen, mit denen er nochmal auf sein ureigenes Anliegen aufmerksam machen wollte. Die Briefe sind inhaltlich die Fortsetzung der Predigten, mit denen Franziskus die „Duft tragenden Worte meines Herrn“ [21] vermitteln wollte und zur Verkündigung des Evangeliums aufforderte. In seinem Brief an die Lenker der Welt[22] von 1220 schreibt er:[23]

7Und möget ihr doch unter dem euch anvertrauten Volk dem Herrn so große Ehre bereiten, dass an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen dazu aufgerufen werde, vom gesamten Volk Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen.

Franziskus verweist hier auf ein Anliegen, dass ihm immer sehr wichtig war: Das gemeinschaftliche Gebet. Aber er geht noch einen Schritt weiter und verlangt, dass es ein Zeichen geben sollte, das zum gemeinsamen Gebet auffordert. Zu dieser Idee, aus dem später das Angelus-Läuten entstand, wurde Franziskus wohl auf seiner Reise nach Ägypten angeregt,[24] bei der er nicht nur den Ruf des Muezzins hörte, sondern auch das Pflichtgebet der Muslime erlebte, das ihn vermutlich an das Stundengebet der Kirche erinnerte. Wie wichtig ihm dieses Anliegen war, machte er in einem weiteren Brief an die Oberen seiner Gemeinschaft etwas später deutlich, mit dem er sicherstellen wollte, dass dieses Schreiben möglichst viele der Adressaten erreichte. In dem Zweiten Brief an die Kustoden heißt es: [25]

6Von dem anderen Brief, den ich euch schicke, damit ihr ihn den Bürgermeistern, Konsuln und Statthaltern gebt, und in dem steht, das Lob Gottes soll unter den Leuten und auf den Plätzen öffentlich verkündet werden, fertigt alsbald viele Exemplare an 7und überreicht sie mit großer Umsicht jenen, für die sie bestimmt sind.

Folge war, dass Franziskanerkirchen ein paar Jahre später das Angelus-Läuten am Abend einführten,[26] um das den Klerikern aufgetragene Stundengebet auch bei den Laien lebendig zu halten und zum gemeinschaftlichen Gebet aufzufordern. Später wurde dieses Läuten auf den Mittag und den Morgen ausgeweitet und ist bis heute üblich.[27]

 

  • Lobpreis Gottes

Das Gebet „Der Lobpreis Gottes“ ist eines von zwei original erhaltenen Autografen des heiligen Franziskus und wird heute in Assisi aufbewahrt. Franziskus schrieb es für seinen Bruder Leo vermutlich im September 1224 auf dem Berg La Verna, auf den sich Franziskus immer wieder zu Gebet und Meditation zurückzog. Der Lobpreis Gottes[28] ist ein mystisches Gebet und zeigt einmal mehr, welche Begeisterung Franziskus für seinen Gott empfand und wie er diese Begeisterung auszudrücken vermochte:

Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott,

der du Wunderwerke vollbringst.

Du bist stark, du bist groß.

Du bist der Höchste.

Du bist allmächtig,

Du heiliger Vater, König des Himmels und der Erde.

Du bist dreifaltig und einer; Herr, Gott der Götter.

Du bist das Gute, jegliches Gut, das höchste Gut,

der Herr, der lebendige und wahre Gott.

 

Du bist die Liebe, die Minne[29].

Du bist die Weisheit.

Du bist die Demut.

Du bist die Geduld.

Du bist die Schönheit.

Du bist die Sicherheit.

Du bist die Ruhe.

Du bist die Freude und Fröhlichkeit.

Du bist unsere Hoffnung.

Du bist die Gerechtigkeit und das Maß.

Du bist alles, unser Reichtum zur Genüge.

Du bist die Schönheit.

Du bist die Sanftmut.

Du bist der Beschützer.

Du bist der Wächter und Verteidiger.

Du bist die Stärke.

Du bist die Zuflucht.

Du bist unsere Hoffnung.

Du bist unser Glaube.

Du bist unsere Liebe.

Du bist unsere ganze Wonne.

 

Du bist unser ewiges Leben:

großer und wunderbarer Herr,

allmächtiger Gott, barmherziger Retter.

Der Mittelteil des Gebetes erinnert in seiner Form und mit seinem Inhalt nicht nur an eine Litanei, sondern vor allem an das Gebet der „99 schönsten Namen Gottes“. Franziskus hat dieses Gebet sicherlich bei seinem Besuch in Ägypten kennengelernt. Es ist eines der wichtigen Gebete des Islam, das Muslime mit Hilfe einer rosenkranzähnlichen Perlenkette beten. Alle 99 zitierten Namen des Gebetes kommen im Koran vor und beschreiben die Eigenschaften Gottes. Im Sufismus, der mystischen Strömung des Islam, dem auch Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik nahestand, versucht der oder die Gläubige, sich durch die wiederholte Nennung der Namen die Eigenschaften selbst anzueignen. Die Rezitation der Namen ist zudem der Versuch, den Auftrag des immerwährenden Gebetes, den wir auch im Christentum kennen, zu erfüllen.

Franziskus‘ Gebet scheint eine Fortsetzung des muslimischen Gebetes zu sein, doch unterscheidet es sich in zwei wesentlichen Punkten vom Original: In seinem Lobpreis ordnet Franziskus Gott nur positive Eigenschaften zu. Zudem spricht Franziskus Gott mit dem „Du“ direkt an und nennt ihn „Vater“. Dieses „Vater-Kind-Verhältnis“ ist eine typisch christliche Ausprägung der Gott-Mensch-Beziehung und im Islam unbekannt.

 

  1. Ausblick

Das angedeutet franziskanische Charisma und die an dieser Stelle genannten Beispiele aus Franziskus‘ Leben sind Leitlinien in der franziskanischen religionsübergreifenden Zusammenarbeit und sie sind Brücken, die helfen, mit Muslimen und mit dem Islam in engen Kontakt zu treten. Sie stellen Berührungspunkte her, die für den Dialog und die Begegnung fruchtbar sind. Sie helfen, den kolonial-belehrenden Missionsbegriff durch einen dialogischen Missionsbegriff zu ersetzen, der das Friedens- und Liebesgebot des Christentums ernstnimmt und das friedliche Zusammenleben in unserer pluralen Gesellschaft ermöglicht. Franziskus hat uns die Frage, wie wir mit der eigenen Religion umgehen und ins Gespräch mit anderen Religionen treten können, mit seinem Regelentwurf beantwortet. Er hat deutlich gemacht, dass die Exklusivrechte für das Gute bei Gott liegen und nicht bei einer bestimmten Gruppe von Menschen. Seiner Meinung nach sollten schon allein die Buchstaben, aus denen die Namen Gottes geformt sind, uns Ehrfurcht einflößen. Er hat uns gezeigt, dass wir von einer anderen Religion lernen können und dass wir gemeinsame Ansätze haben, Gott zu verherrlichen.

 

  • Integration und Menschenrechte

Der Religionssoziologe Èmile Durkheim hat einmal darauf hingewiesen, dass in der Vergangenheit Religion für die Gesellschaft eine integrative und verbindende Funktion hatte und inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt förderte.[30] Aus heutiger Sicht geschah das zu einem hohen Preis, wenn man sich den Unterschied zwischen dem exklusiven Gesellschaftsbild in früheren Zeiten und zum Beispiel dem heutige Frauenbild, dem heutigen Respekt vor Individualisierung von Lebensentwürfen und der heutigen Vielfalt der kulturellen Hintergründe betrachtet. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist heute nicht mehr ohne Freiheit denkbar.

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist die einzige Gesellschaftsform, in der sich Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz entfalten können. Auf dieser Basis können und müssen die Religionen und Weltanschauungen, also die Gläubigen und Nichtgläubigen, ihren integrierenden Charakter entfalten. Die Religionen können hierbei zu Erinnerungs- und Diskursinstitutionen werden, die Fragen nach der Würde des Menschen und der Umwelt in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Die franziskanischen Orden und Organisationen sind dafür prädestiniert, weil Franziskus in allen Konfessionen und Religionen anerkannt ist. Franziskaner und Franziskanerinnen[31] können aufgrund ihrer Tradition Stichwortgeber für Ideen und Werte werden, die auch andere Religionen annehmen können. Mit der Menschenrechtsorganisation Franciscans International versuchen sie dies auf der Ebene der Vereinten Nationen auch schon.

Gemeinsam mit den anderen Religionen können Franziskanerinnen und Franziskaner die spirituelle und verbindende Dimension der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN-Menschenrechtscharta) herausarbeiten, die menschheitsgeschichtlich eine neue Ära eingeleitet hat. Franziskus gibt ja Antworten auf die Frage, was der Mensch ist und wie man die absolute Gleichheit und Gleichwertigkeit des Menschen tatsächlich leben kann in einer Welt, die mehr und mehr vom  ‚wir‘ und  ‚ihr‘ geprägt ist und in der oft Furcht vor dem anderen den öffentlichen Diskurs bestimmt.[32]

 

  • Zivilgesellschaftliches Engagement

Alle Religionen sind auch Ressourcen für die Zivilgesellschaft. Auch wenn einzelne religiöse Institutionen sich noch nicht so sehen, so werden sie ihr eigenes, friedenstiftendes Potential entdecken. Franziskus war der Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden immer klar und so gehört es zum franziskanischen Charisma, sich für die Armen und Rechtlosen einzusetzen. Kirchenasyl, karitatives Tun, selbstlose Hingabe an den Nächsten, die weit über das ‚normale‘ Maß in der kapitalistischen Welt hinausgeht, sind nur drei Aspekte von vielen, die diese Dimension deutlich machen können. Religionen haben einen eigenen Blick auf die Welt, der durch ihr Verhältnis zur Transzendenz geprägt ist. Sie betrachten die Welt als etwas, das über das Sichtbare und Irdische hinausgeht. Wichtige Aspekte des Lebens und des menschlichen Daseinszweckes sind für sie u. a. das Wahrnehmen einer geistigen Dimension des Lebens, das Streben nach Gottesnähe, Glück, Zufriedenheit, Angstlosigkeit und Freiheit. Damit grenzen sie sich ab von den Aspekten, die uns das moderne Wirtschaftssystems und seine Sachzwänge vorgeben: wirtschaftlicher Erfolg, grenzenloses Wachstum, Konsum, Attraktivität und Machtstreben. Sie betonen die moralischen und ethischen Maßstäbe, die über die Vorsorge, das Wachstum und den persönlichen Egoismus hinausgehen. Sie verweisen mit ihren Regeln und Vorstellungen, ihren Geschichten und Mythen, ihren Traditionen, Festen und Liturgien auf die Erfahrungen der Generationen vor uns, auf die Endlichkeit des eigenen Lebens und die Zukunftsorientierung der jüngeren Generation. Vor diesem Hintergrund wird in den solidarökonomischen, karitativen oder diakonischen Einrichtungen sowie den Gemeindehäusern der Religionen soziale, sozialpädagogische und integrative Arbeit sowie Bildungsarbeit geleistet. Viele Menschen engagieren sich in den Religionsgemeinschaften ehrenamtlich aus ihrem Glauben und ihrer Überzeugung heraus für ihre Mitmenschen und das Gemeinwohl. Diese Gemeinsamkeit und die konkurrierende Haltung zum kapitalistischen System, von dem Papst Franziskus sagt, dass es tötet,[33] müssen die Religionen gemeinsam herausstellen, um eine hörbare Stimme im gesellschaftspolitischen Diskurs zu sein.

 

  • Absage an den Fundamentalismus

In jeder Gemeinschaft von Menschen gibt es Abschottungstendenzen. Es gibt sie in Bürgerbewegungen, Schulen, Parteien, Vereinen – und eben auch in Religionen, in denen immer wieder und in letzter Zeit verstärkt ein unreflektierter Alleinvertretungsanspruch propagiert wird. Veränderungen jeglicher Art werden abgelehnt und Neuerungen sollen rückgängig gemacht werden, sowohl innerhalb als auch außerhalb der jeweiligen Gemeinschaft.

Ein Fundamentalismus, im Sinne eines starren Festhaltens und eines unbedingten Durchsetzungswillens einer vermeintlich reinen Lehre, ist aber immer ahistorisch und ohne Tradition. Er ignoriert die Mitmenschlichkeit und erklärt sich mit martialischer Rhetorik zum Hüter zum Beispiel des Abendlandes oder überzieht im schlimmsten Fall die Welt mit Terror. Fundamentalismus findet sich heute bei den selbsternannten Hütern der Wahrheit, denen Pluralismus und Offenheit suspekt sind und die nicht nur in sozialen Netzwerken mit Grobheit und Intoleranz einschüchternd agieren, und zwar deshalb, weil sie wissen, dass die fundamentalistischen und exklusiven Ideen im Diskurs nicht bestehen können.

Der franziskanische Ansatz von Demut und Respekt, vom Warten auf den richtigen Moment des Gesprächs, vom absoluten Friedens- und Liebenswillen setzt der Gewalt der Mission und des Wahrheitsanspruches die wichtigste Botschaft entgegen: Wir alle sind Geschwister und Geschöpfe Gottes. Handeln wir so. Wir WISSEN die Dinge ja nicht, wir GLAUBEN sie. Tucholsky sagt dazu passend: „Toleranz ist das Eingeständnis, dass der Andere Recht haben könnte“.

 

  • Ausgrenzung entgegenstellen

Der Soziologe Ulrich Beck schlägt, auch im franziskanischen Sinne, vor, dass man nicht mehr von „Religionen“ sprechen, sondern das Adjektiv „religiös“ verwenden sollte. Es geht ja in unserer postsäkularen Gesellschaft nicht mehr um „die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Organisation“, sondern um die Sprach- und Lernfähigkeit. Der Vorschlag will den Inhalt vor die starre Form setzten. Er definiert eine Haltung gegenüber existentiellen Fragen, die die „Stellung und das Selbstverständnis des Menschen in der Welt“[34] beschreibt. Damit entfalle, so Beck, die Ab- und Ausgrenzung zum Anders- oder Nichtgläubigen und es ergebe sich die Option der Pluralisierung von Religionen im Sinne der multiplen Zugehörigkeit. Soweit, wie Ulrich Beck das vorschlägt, brauchen religiöse Menschen nicht zu gehen. Weder ist eine neue synkretistische Religion noch ein Zurückstellen des Christentums gewollt. Das beton auch Franziskus, wenn er sagt, dass wir bekennen sollten, dass wir Christen sind.

Aber für den Dialog und die religionsübergreifende Zusammenarbeit ist es hilfreich darauf hinzuweisen, dass man religiös ist und somit eine gemeinsame Grundlage mit dem anderen hat.

Daraus folgt ein neuer Blick auf ‚das Andere‘. Das Andere aus dem Blickwinkel von Wahrnehmung und Akzeptanz. Die Philosophin Judith Butler betont, dass die aktive Anerkennung des Anderen –aus unserer Sicht also anderer religiöser Gruppen – konstituierend für die gemeinsame Zukunft ist: „Anerkennung zu fordern oder zu geben heißt gerade nicht, Anerkennung dafür zu verlangen, wer man bereits ist. Es bedeutet ein Werden für sich zu erfragen, eine Verwandlung einzuleiten, die Zukunft stets im Verhältnis zum Anderen zu erbitten.“[35]

Erkennen sich Menschen aus unterschiedlichen Religionen gegenseitig als „religiös“ an und sind sich bewusst, dass das Verhältnis zur anderen Religion auch sie verändern wird, sind sie in der Lage, den gemeinsamen Diskurs über ihre Haltungen gegenüber den von Beck zitierten existenziellen Fragen zu eröffnen und in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen.

Diese Akzeptanz des Anderseins wurde auch immer wieder in den Friedensgebeten in Assisi von Johannes Paul II., über Benedikt XVI. bis zu Franziskus betont: Es ging nicht darum, zusammenzukommen, um gemeinsam zu beten, sondern gemeinsam zusammenzukommen, um zu beten. Keine Religion drückte der anderen Religion ihre Liturgie auf. Das Anderssein wurde akzeptiert. Mission in kolonialer Weise war nicht gewünscht.

Vor einiger Zeit äußerte ein österreichischer Franziskanerbruder gegenüber dem Autor, dass er es mit den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hielte: Er finde, dass die vornehmste Aufgabe von katholischen Organisationen – und damit auch der Franziskaner – die Re-Evangelisierung Westeuropas sei. Er hat die Vorstellung von kolonialer Mission, die offenbar dafür sorgen muss, dass nur wieder genügend Menschen in die Kirchen gehen und Eucharistie feiern müssen, um alles gut zu machen. Ihm muss klar widersprochen werden. Franziskaner sollten in den postsäkularen Gesellschaften Europas vielmehr eine Funktionsbestimmung vornehmen, die sich an den gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die nicht rückgängig zu machen sind, orientieren. Sie sollten sich auf ihr franziskanisches Charisma besinnen. Da finden sich eindeutig Hinweise, dass franziskanische Christinnen und Christen den Auftrag haben, im Dialog den Frieden in unseren Gesellschaften zu schaffen und zu fördern. Den Frieden der Menschen untereinander und den Frieden der Menschen mit ihrer Umwelt. Der Sonnengesang, die Geschichte vom Wolf von Gubbio, die Begegnung mit dem Sultan und die vielen Texte des heiligen Franziskus sind da hilfreich. Sie geben uns gute Werkzeuge an die Hand, mit unserer Mission auch auf Menschen anderen Glaubens und auf nichtgläubige Menschen zuzugehen.

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[1] Dieser Aufsatz ist die schriftliche Fassung eines Vortrages des Autors zum Studientag 2017 des Forums der Weltreligionen, den er unter dem Titel „Migration, Urbanisation, Pluralität, Konflikte. Monistische Lösungsansätze des franziskanischen Charismas“ gehalten hat. Der Studientag fand zum Thema „Von kolonialer zu dialogaler Weltmission. Das Potential der Ordensspiritualitäten für die Weltkirche im 21. Jahrhundert“ in Wien am 22. und 23. Oktober 2017 statt. In der schriftlichen Fassung wird auf die Fragen der Urbanität und des Monismus nicht eingegangen, da dies nur Seitenaspekte des umfänglichen Themas sind. Zur Urbanität s. a. Schimmel, Thomas M. / Kreutziger-Herr, Annette: Jeder nach seiner Façon – von der Aktualität einer alten Idee, in: Schimmel, Thomas M. / Kreutziger-Herr, Annette u. a. (Hrsg.): Jeder nach seiner Façon – Vielfalt und Begegnung der Religionen in Berlin, Berlin 2017, S. 18 ff.

[2] Vgl. Sternberg, Thomas: Staat und Kirche, in: http://www.kas.de/wf/de/71.7662/ (abgerufen am 13. März 2018).

[3] Vgl. Goedereis, Christopherus: Fusion der Bayerischen und Rheinischen Kapuzinerprovinz zur Deutschen Kapuzinerprovinz, in: Warode, Markus / Schmies, Bernd / Schimmel, Thomas M. (Hrsg.): Veränderung als Chance begreifen, Norderstedt 2013, S. 15.

[4] Vgl. Großbölting, Thomas: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Bonn 2013, S. 257 ff.

[5] Vgl. o. A.: Innenministerium zählt 2017 mindestens 950 Angriffe auf Muslime, in: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/deutschland-2017-mindestens-950-angriffe-auf-muslime-a-1196312.html  (abgerufen am 25. April 2018).

[6] O. A.: Mehr Angriffe auf Gotteshäuser, in: http://www.islamiq.de/2016/02/10/zahl-der-angriffe-auf-gotteshaeuser-gestiegen/ (abgerufen am 25. April 2018).

[7] Vgl. Kurtoğlu-Keskin, Maide: Rekonstruktion islamischer Feindbilder in deutschen Printmedien, in: http://www.islamiq.de/2018/03/18/rekonstruktion-islamischer-feindbilder-in-deutschen-printmedien/ (abgerufen am 18. März 2018).

[8] Vgl. o. A.: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, in: https://www.welt.de/politik/deutschland/article174603526/Horst-Seehofer-Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Deutschland.html (abgerufen am 18. März 2018).

[9] Vgl. Heckel, Johannes: Augsburger Religionsfriede, in: Galling, Kurt (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1957, S. 736 f.

[10] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 60.

[11] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 97.

[12] Die sogenannte „Nichtbullierte Regel“ ist ein Regelentwurf von 1221, der ausführlicher ist, als die endgültige Regel, die von Papst Honorius III. 1223 approbiert wurde. Sie ist eine wichtige Quelle der franziskanischen Spiritualität.

[13] Vgl. Schneider, Johannes: „Unser Kloster ist die Welt“. Überlegungen zur bullierten Regel. Kapitel 3, 10–11, in: Schneider, Johannes (Hrsg.): Regel und Leben. Materialien zur Franziskus-Regel, Bd. II, Norderstedt 2009, S. 159 f.

[14] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 1536 f.

[15] Vgl. Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 110.

[16] Seit 1215 waren Minderbrüder im heiligen Land unterwegs, so dass dieser Abschnitt des Regelentwurfs sich auf konkrete Lebenssituationen der Brüder bezog. Vgl. Fernandini, Sergio: Ankunft. Das Hl. Land vor 800 Jahren, in: Im Land des Herrn. Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land, Nr. 3, 71. Jg. 2017, S. 105 ff.

[17] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 82.

[18] Vgl. Kammerer, Petr u. a.: Franz von Assisi. Zeitgenosse für eine andere Politik, Düsseldorf 2008, S. 41.

[19] Vgl. Dietrich, Ernst Ludwig: Judentum II bis zur Neuzeit, in: Galling, Kurt (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1957, S. 989 f.

[20] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 248.

[21] Zitiert nach Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 128.

[22] Adressaten sind Bürgermeister, Konsuln, Richter, Statthalter auf der ganzen Welt.

[23] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 137.

[24] Vgl. Esser, Cajetan: Die Opuscula des hl. Franziskus von Assisi. Neue textkritische Edition, Grottaferrata 1976, S. 175.

[25] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 113.

[26] Vgl. Schmidt, Albert: Die Glocke – ihre Geschichte und heutige Bedeutung. Geschichte und Symbolik der Glocke, in: Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen (Hrsg.): Glocken in Geschichte und Gegenwart, Karlsruhe 1986, S. 18.

[27] Inwieweit Mohammed durch Schallwerkzeuge, mit denen orientalische Mönche auf der arabischen Halbinsel zu den Gottesdiensten riefen, beeinflusst war, muss an anderer Stelle untersucht werden.

[28] Zitiert nach: Lehmann, Leonard / Berg, Dieter (Hrsg.): Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Münster 2009, S. 37 f.

[29] Ausdruck für die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Gott und Menschen untereinander, sowohl in freundschaftlicher als auch erotischer Hinsicht.

[30] Vgl. Durkheim, Èmile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt am Main 1981.

[31] Mit Franziskanerinnen und Franziskanern sind nicht nur Ordensmitglieder gemeint, sondern alle Menschen, die sich auf Franziskus berufen.

[32] Die ersten Artikel der Erklärung der Menschenrechte lauten: „Artikel 1 Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. __ Artikel 2: Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“.

[33] Vgl. Lehmann, Karl Kardinal: Was ist dran an der päpstlichen Kapitalismuskritik?, in: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/evangelii-gaudium-papst-franziskus (abgerufen am 5. April 2018).

[34] Beck, Ulrich: Nachrichten aus der Weltinnenpolitik, Berlin 2010, S. 115.

[35] Butler, Judith: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt am Main 2005, S. 62.

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