Die vier hilfreichen großen R des Religionsdialoges

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Ohne Zweifel: Unsere Gesellschaft verändert sich rasant. Aus einer, je zur Hälfte dem evangelischen und dem katholischen Christentum zugewandten Bevölkerung ist eine Gesellschaft geworden, in der inzwischen ein Drittel der Bevölkerung anderen Religionen angehört oder aber mit Religion nichts mehr zu tun hat. Die Tendenz ist steigend. Vor allem in großen Städten, wie Berlin, Hamburg oder Köln macht sich dies im Stadtbild bemerkbar: Neben geschlossenen Kirchen sieht man nun auch gut besuchte Moscheen mit Minaretten und Kuppeln. Wie stark die Verunsicherung über diese gesellschaftlichen Veränderungen sind, zeigen verstärkt auftretende rechtspopulistische Phänomene: Unkenntnis über Religionen gepaart mit religiös aufgeheizten Konflikten in aller Welt, lassen Vorurteile, Vorbehalt und Pauschalverdächtigungen blühen. Die Konflikte in Syrien und dem Irak werden wir nicht lösen können, aber für den inneren Frieden in unserer Gesellschaft können wir etwas tun: Nämlich, wie im Jahr 1219 es Franziskus getan hat, mit den Menschen anderer Religion in Kontakt treten und mit ihnen gemeinsam für Toleranz und Frieden eintreten.

Franziskus hat uns mit seiner Reise zum ägyptischen Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik dafür eine Gebrauchsanweisung gegeben und uns die vier hilfreichen großen R des Religionsdialogs hinterlassen: Rausgehen. Reingehen. Respektvoll handeln. Reagieren.

Rausgehen

R – Rausgehen

Um die Welt zu verstehen, mit ihr in den Dialog zu treten und sie zu verändern, muss man sein Umfeld verlassen.

Franziskus verließ seine Gemeinschaft, seine Heimatstadt Assisi sowie schließlich Italien und machte sich auf den Weg nach Ägypten zu den Kreuzfahrern und zum Sultan, dem Oberhaupt der Sarazenen, wie Muslime damals genannt wurden. Dort wollte er bewirken, dass der 5. Kreuzzug friedlich beendet wird. Es war eine unbequeme Reise auf einem Versorgungsschiff über das Mittelmeer. Er verließ bewusst den gewohnten Tagesablauf seiner Gemeinschaft und begab sich in eine Atmosphäre der Rohheit und des Krieges auf einem Kriegsschiff und in einem Kreuzfahrerlager. In einer Gefechtspause überquerte er das Schlachtfeld und ging zum muslimischen Heerlager. Er wusste, dass er dort auf eine andere Kultur mit einer fremden Sprache treffen würde, aber er wusste nicht, was ihn dort erwartet.

Auch im Religionsdialog muss man seine gewohnte Umgebung verlassen und rausgehen aus den geschützten Mauern der eigenen Religion, in denen man sich auskennt. Man muss sich in die Gefahr begeben, mit Menschen zusammenzutreffen, die misstrauisch oder unsicher sind. Man muss mit Fettnäpfchen rechnen und sich auf eine andere Sprache einlassen, auch wenn alle Beteiligten deutsch sprechen. Das Rausgehen aus geschützten Räumen und das sich einlassen auf die Gefahren der Fremde sind Voraussetzung für das Zusammentreffen mit anderen Menschen und somit auch Voraussetzungen dafür, mit ihnen in aktiven Kontakt zu treten.

Reingehen

R – Reingehen

Um in den Dialog zu treten muss man Reingehen in den geschützten Bereich der Anderen.

Franziskus überquerte das Schlachtfeld des 5. Kreuzzuges, um zum Heerlager der Muslime zu gelangen und erbat Einlass in das feindliche Zentrum. Das Erstaunliche daran ist, dass er diese Aktion überlebte, denn die Stimmung war aufgeheizt und feindselig. Das möglich Missverständnis, dass er eventuell wegen seiner Kleidung von den Muslimen für einen Sufi – also einen muslimischen Ordensmann – gehalten werden könnte, räumt Franziskus gleich aus. Er antwortete auf die Frage der Wachen, wer er denn sei: „Ich bin ein Christ und möchte mit dem Sultan sprechen“. Tatsächlich wurde er in das Heerlager gebeten. Zum Reingehen gehört auch, dass reingelassen wird und die Muslime ließen offensichtlich ihre Gastfreundschaft auch gegenüber dem Feind gelten. Franziskus erreichte, was er sich vorgenommen hatte: Er überwindete das Schlachtfeld und die Mauern und traf sich mit dem Sultan zum Gespräch.

Auch im Religionsdialog muss man Schlachtfelder überqueren, Mauern überwinden und an fremde Türen klopfen. Und man muss hoffen, in das unbekannte Terrain reingelassen zu werden.

Die Schlachtfelder sind oft die vielen historischen Konflikte, die beim Religionsdialog immer wieder mitschwingen: Die Kreuzzüge, die Türken vor Wien, die nationalsozialistische Vergangenheit, der tägliche Antisemitismus und die alltägliche Islamophobie. Da bauen wir Mauern, weil wir Vorurteile haben. Und es werden von unseren Gesprächspartnern Mauern gebaut, weil sie Vorbehalte haben. Franziskus zeigt uns, wie man an die Türen in der Mauer klopft und den geschützten Raum betritt: Mit Selbstbewusstsein und ohne Scheu zu zeigen, wer man wirklich ist. Die Gefahr, abgewiesen zu werden, ist so oder so da, aber die Gefahr, für jemand anderen gehalten zu werden und am Ende als Heuchler dazustehen, der aus Höflichkeit oder Angst, sich selbst und seine Position verleugnet, ist viel größer und für das Gespräch nicht hilfreich. Das Reingehen und das Überschreiten der Schwelle zum geschützten Bereich des anderen ist also der Ort, an dem ich mir spätestens klar werden muss, wer ich bin und was ich will. Authentisch sein ist wichtig und die Ziele müssen ja nicht unbedingt so hoch sein wie bei Franziskus: Sie könnten einfach das Stillen von Neugier oder die Überprüfung meiner Vorurteile sein.

Respektvoll handeln

R- Respektvoll handeln

Zu Gast an einem fremden Ort zu sein, erfordert ehrfurchtsvoll Rücksicht auf den Gastgeber zu nehmen. Respekt (lat. Respectus) bedeutet Rücksicht.

Franziskus war wohl mehrere Tage im Heerlager. Genaues wissen wir über seinen Aufenthalt nicht, da es keine belastbaren Zeugnisse darüber gibt. Die wichtigsten Quellen sind erst Jahre und Jahrzehnte nach dem Treffen mit dem Sultan entstanden. Wir können aber vom Ende her erahnen, was er dort gesehen hat und wie das Gespräch mit dem Sultan verlaufen ist: Franziskus wurde nämlich unter Militärschutz zurück zu den Kreuzfahrern gebracht. Er wurde weder getötet, noch festgesetzt – nein: Der Sultan sorgte dafür, dass er wohlbehalten zurück zu seinen Leuten kam. Das Gespräch und der Aufenthalt müssen also freundlich und gut verlaufen sein, sonst wäre so eine Geste nicht möglich gewesen.

Worüber Franziskus mit dem Sultan gesprochen hat, wissen wir nicht. Die älteste Quelle gibt aber ein Indiz an, das erahnen lässt, worum es ging: Es ging nicht um die Fragen der richtigen Religion oder des richtigen Gottes, sondern vielmehr um die Frage der richtigen Religionsausübung. Franziskus wird ja in dem Heerlager nicht nur mit dem Sultan und anderen Muslimen gesprochen, sondern auch gesehen haben, wie muslimische Glaubenspraxis aussieht: Das Pflichtgebet, das freiwillige immerwährende Gebet, die Solidarität untereinander, den hohen Stellenwert, den die Barmherzigkeit hat, den respektvollen Umgang mit dem Koran und vieles andere mehr. Vieles wird Franziskus bekannt vorgekommen sein, vieles fremd und einiges hat sein Denken verändert. Vielleicht hat er darüber mit dem Sultan gesprochen.

Auch im Religionsdialog muss man Rücksicht nehmen. Das heißt z.B., man sich selbstverständlich an die Kleidungs- und Verhaltensvorschriften in einem fremden Gotteshaus hält und Provokationen unterläßt. Religionsdialog kann nur funktionieren, wenn man die Fremdheit und Andersartigkeit des anderen und seiner Religion akzeptiert und sich respektvoll verhält. Das heißt nicht, gleichmacherisch alles hinzunehmen, was von anderen gesagt wird. Auch hier ist Franziskus ein guter Ratgeber: Über Glaubensinhalte sollte man nur sprechen, wenn man den Eindruck hat, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, also „wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt“, schreibt Franziskus.

Reagieren

R – Reagieren

Ein Dialog ist gut, wenn er für die Beteiligten auch Folgen hat. Ein Dialog ohne Folgen verpufft.

Franziskus hat den Sultan verlassen und ist heil wieder nach Assisi zurückgekehrt. Über seine Reise und sein Gespräch hat er sich öffentlich nicht geäußert. Dennoch gibt es Indizien, die darauf schließen lassen, dass die Begegnung mit dem Sultan und den Muslimen ihn beeindruckt und beeinflusst haben. Drei Beispiele:

  • Das bekannteste Indiz ist der Abschnitt über das Zusammenleben mit den Sarazenen, in seinem Regelentwurf, der Nichtbullierten Regel. In diesem Abschnitt verarbeitet Franziskus offenbar seine Erfahrungen, denn er verbietet offensiv zu missionieren und auf den passenden Moment zu warten bevor man über seinen Glauben spricht.
  • In seinen Briefen an die Lenker der Welt schlägt er vor, ein öffentliches Signal für das Gemeinsame Gebet einzuführen. Dies ist eventuell ein Bezug auf den Ruf des Muezzins, den Franziskus im Nahen Osten gehört hat.
  • Eventuell inspiriert von den 99 Schönsten Namen Gottes, die viele Muslime als immerwährendes Gebet außerhalb des Pflichtgebetes zu beten pflegen, schreibt Franziskus einen Lobpreis Gottes, der sich wie eine Fortsetzung der Schönsten Namen anhört.

Auch im Religionsdialog sollten Begegnungen mit Menschen anderer Religion Folgen haben und Reaktionen hervorrufen. Intuitiv denkt man in einem fremden Gotteshaus oder beim Gespräch mit Menschen anderer Religion über Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie Vertrautes und Fremdes nach. Dabei kann eine fremde Religion ein Spiegel sein, in dem ich Dinge sehe, die ich sonst nicht gesehen hätte. Lernprozesse und Veränderungen sind die Folge. So erzählte eine muslimische Freundin mir, dass sie nicht immer Gelegenheit habe, das Pflichtgebet zu beten. Wenn sie aber den Ruf des Muezzin oder Kirchenglocken höre, würde sie wenigstens ihre Sitzhaltung verändern, um so Gott die Ehre zu erweisen. Das habe ich übernommen: Ein gutes Mittel gegen spirituelle Gleichgültigkeit.

Aber auch das Teilen der Erfahrungen, die man bei der Begegnung mit Menschen anderer Religion gemacht hat, ist in unserer Kommunikationsgesellschaft eine wichtige Reaktion. Das Beseitigen von Vorurteilen und Vorbehalten ist wie das Bohren dicker Bretter: Skeptische Menschen, die keine Erfahrung im Umgang mit Menschen anderer Religionen haben, sind schwer zu überzeugen. Ihnen zu zeigen, wie einfach es ist, ins Gespräch zu kommen und wie nahe die Werte und Ziele der verschiedenen Religionen sind, sollte Folge jeden Religionsdialogs sein. Dieser ist dringend notwendig, wenn wir in der unübersichtlichen multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft weiterhin friedlich zusammenleben wollen.

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Text:
Dr. Thomas M. Schimmel  (Januar 2017)

Fotos:
Rausgehen: Rosel Eckstein, Pixelio.de
Reingehen: Harald Schottner, Pixelio.de
Respektvoll handeln: Archiv LNdR
Reagieren: Bernd Kasper, Pixelio.de

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