Fairer Umgang mit Muslimen – Artikel in der Franziskaner Mission 2/2018

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Umgang? Fair!

Einsatz für den fairen Umgang mit Muslimen – Artikel in der Franziskaner Mission 2/2018

Der protestantische Pfarrer Martin Niemöller hat mal passend gesagt: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte“. Was Niemöller damit prägnant ausdrückt, ist das Fehlen eines Bürgersinns, das mitverantwortlich für die humanitäre Katastrophe des Dritten Reiches war.

Doch was ist eigentlich Bürgersinn? Es ist das Bewusstsein, dass wir alle, die in diesem Land leben, als Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für die gesellschaftspolitische Entwicklung haben. Es sind eben nicht „die da oben“, die das Zusammenleben in unserer Gesellschaft gestalten. Sie setzten nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen und geben vielleicht Stichworte für die Diskussion darüber, wie wir leben wollen. Dass aber Frieden herrsche in unserem Land, dafür ist jeder Einzelne zuständig.

Dabei kommt uns Christinnen und Christen eine Schlüsselrolle zu, denn Jesus hat uns als seine Anhängerinnen und Anhänger explizit zur Nächsten- ja sogar zur Feindesliebe aufgefordert. Er hat uns den Auftrag gegeben, Frieden zu schaffen und Frieden zu bewahren. Nehmen wir diesen Auftrag nicht ernst, dann nehmen wir auch unsere Religion nicht ernst. Wir als christliche Bürgerinnen und Bürger haben also eine doppelte Verantwortung für den Frieden in unserem Land.

Wir erleben zurzeit, dass sich unsere Gesellschaft spaltet. Nicht nur in den sozialen Netzwerken des Internets wird gehetzt und Hass gegen Minderheiten verbreitet. In subtiler Art und Weise erleben wir die Verbreitung von Pauschalverdächtigungen und Vorverurteilungen gegenüber dem Islam und Musliminnen und Muslimen auch in den Medien, der Verwaltung und der Politik. Wenn Politiker beispielsweise sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, tun sie das nicht mit dem Ziel, eine konstruktive Diskussion über das Zusammenleben auszulösen. Wenn Fernsehsender bei Meldungen über die Zahl der Muslime in Deutschland Bilder von vollverschleierten Frauen zeigen, tun sie das nicht, um die gesellschaftliche Realität darzustellen. Im besten Falle handelt es sich bei diesen beiden Beispielen um Gedankenlosigkeit, im schlimmsten um bewusste Ausgrenzung. Die Folge aber ist in jeden Fall, dass ca. 5% der Menschen, die seit Jahrzehnten friedlich in unserem Land leben, vor Augen geführt wird, dass sie in Wahrheit Fremde sind und nicht dazu gehören. Das Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft ist aber ein Schlüsselkriterium für die Integration und Akzeptanz unserer Werte (vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-das-gleichgewicht-der-diskriminierung-1.2886796).

In Berlin hat die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V. aus bürgerlicher und christlicher Verantwortung für das friedliche Zusammenleben nun ein Bündnis von Nichtmuslimen mitbegründet, dem Vertreterinnen und Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, Parteien, Konfessionen und Weltanschauungen angehören und das sich angesichts einer zunehmenden Islamophobie in unserer Gesellschaft für den fairen Umgang mit Muslimen und dem Islam einsetzt. Das Bündnis fordert eigentlich Selbstverständlichkeiten, nämlich dass folgende vier Kriterien im Umgang mit Muslimen in unserer Gesellschaft eingehalten werden:

 

  1. Gleiches Recht für alle – nicht zweierlei Maß anlegen 

Es sollte selbstverständlich sein, dass man an Muslime die gleichen Maßstäbe anlegt wie bei Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften– nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bei Forderungen und Verhaltenserwartungen muss immer mitbedacht werden, ob dasselbe auch von Menschen anderer Herkunft und Kulturzugehörigkeit oder für Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften verlangt werden kann und soll. Die Freiheit ist immer auch die des anderen.

 

  1. Nicht nur über, sondern auch mit Muslimen sprechen 

Wenn es um kritische Vorgänge oder Entwicklungen geht, ist es ein Gebot der Fairness, dass Politik, Medien und Verwaltung mit Verantwortlichen von Moscheevereinen direkt sprechen und ihnen Gelegenheit geben, ihre Lage und ihre Standpunkte darzustellen.

 

  1. Sorgfältige und differenzierende Berichterstattung

Berichterstattung muss belegbar und überprüfbar sein, Vermutungen dürfen nicht als Feststellungen deklariert werden. Die jeweiligen Rahmenbedingungen sind in die Betrachtung und Bewertung einzubeziehen, besonders, wenn es um kritische Vorgänge und Entwicklungen geht. Bei der Interpretation religiöser Begriffe ist auf die Bedeutung im konkreten Zusammenhang zu achten, um nicht in falsche Verallgemeinerungen zu geraten.

 

  1. Faire Berichterstattung – positive Entwicklungen würdigen

Wenn sich in muslimischen Gemeinschaften positive Entwicklungen zeigen; wenn die Werte unserer Gesellschaft praktiziert werden, zum Beispiel die Hinwendung zur Demokratie durch Aufrufe, an Wahlen teilzunehmen; wenn die Zusammenarbeit mit anderen Religionen durch gemeinsame Gebete und Veranstaltungen gesucht wird oder wenn Muslime sich öffentlich gegen Antisemitismus und Gewalt aus den eigenen Reihen aussprechen, verdient dies Würdigung und Unterstützung. Wenn Kritik gefruchtet hat, muss nachberichtet werden.

 

Neben diesen Forderungen versucht das Bündnis über Leserbriefe, Posts in sozialen Netzwerken, Petitionen, Interventionen und andere Aktionsformen, ein Bewusstsein für den fairen Umgang zu schaffen und eine konstruktive Diskussion anzustoßen, wie wir in der pluralen und multireligiösen Gesellschaft zusammenleben wollen. Das ist keine große Sache, aber eine einfache Möglichkeit für jeden, einen Beitrag für das friedliche Zusammenleben zu leisten. Informationen zum Bündnis sind zu finden unter www.1219.eu/fairness.

 

Dr. Thomas M. Schimmel

Ist Geschäftsführer der franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V. in Berlin.

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