Bericht vom interreligiösen Frühstück

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Andere Kultur, anderer Glaube, anderer Gott?

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Professor Udeani bei seinem Vortag

Was bedeutet eigentlich christliche Mission in einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft heute? Um diese Frage ging bei einem interreligiösen Frühstück am 18. Februar 2017 im Kathedralforum mit dem katholischen Theologen und Inhaber des Lehrstuhles für Missionswissenschaften und Interreligiösen Dialog an der Universität Würzburg, Professor Dr. Chibueze C. Udeani.

Udeani ist im Kathedralforum schon fast so etwas wie ein alter Bekannter. Im Februar war er zum zweiten Mal bei einem Interreligiösen Frühstück zu Gast, zu dem die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog und das Kathedralforum St. Hedwig eingeladen hatten. Über 40 Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit waren gekommen, um erst gemeinsam zu frühstücken und dann den Vortrag von Professor Udeani zu hören.

Mit einem geschichtlichen Rückblick führte Udeani den Zuhörerinnen und Zuhörern vor Augen, dass sich im Laufe der Jahrhunderte das christliche Missionsverständnis immer wieder geändert hätte. Früher fühlten sich die Missionare als Auserwählte, die ihr „ungläubiges“ Gegenüber als „der Heilchancen Bedürftige“ , so Udeanis Formulierung, ansahen. Darum sei Mission monologisch gewesen, was irgendwann auch zu gewalttätiger Mission geführt habe. Ein solches Missionsverständnis sei heute nicht mehr mit den Grundsätzen des Glaubens vereinbar. Heute ginge es bei Mission vielmehr um einen Dialog auf Augenhöhe: Nur wenn Dialogpartner bereit wären, die Andersartigkeit des anderen anzuerkennen, sie zu thematisieren und von den Erfahrungen und Erkenntnissen des anderen zu lernen, sei Verständigung möglich. Ganz praktisch hieße das, einander zuzuhören und sich gegenseitig zu sagen, was man/frau vom Gegenüber verstanden habe. Gelingender Dialog, so Udeani, verwische dabei nicht Andersartigkeit, sondern lebe davon, dass Profile sichtbar würden. Auch die Grenzen der eigenen Akzeptanz zu erkennen und zu benennen, sei wichtiger Bestandteil von Verständigung. Verständigung wiederum sei heute nötig, um den Sinn der Missio Dei zu verstehen und umzusetzen: Aufgabe von Mission sei heute, die Botschaft Christi zeitgemäß zu kommunizieren, die Welt zu gestalten und sich um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu bemühen.

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Frühstück und Vortrag im Kathedralforum

In seinem Vortrag betonte Professor Udeani, dass man dabei die gesellschaftliche Realität anerkennen müsse: Neue Technologien, Entfremdung von Religion und Kirche oder die Pluralisierung religiösen Lebens hätte in den letzten Jahren zu grundlegenden Veränderungen geführt, die man berücksichtigen müsse. Unsere Gesellschaft, das ließe sich nicht leugnen, sei multikulturell und multireligiös. Abschottung und Mauern würden daran nichts ändern. Nur wenn wir die Realität anerkennen, könnten wir politisch handeln. Zudem müssten wir erkennen, dass unsere Handlungsweisen globale Folgen hätten: Das T-Shirt für 1 Euro sei nur möglich, weil Kinder und Frauen für weniger als 50 Cent am Tag arbeiteten. Unser Wohlstand sei ein Wohlstand auf Kosten anderer, die kein menschenwürdiges Leben mit ihrer Hände Arbeit verwirklichen könnten. Dies sollte uns klar sein, wenn wir kenternde Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer sähen.

In einer anschließenden Gesprächsrunde wurde von Teilnehmerinnen und Teilnehmern darauf hingewiesen, dass Liebe, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gute Anknüpfungspunkte zum interreligiösen Gespräch wären, da alle Religionen sich in der Verwirklichung dieser Ziele einig seien. Christinnen und Christen sollten sich dabei durch das handelnde Zeugnis auszeichnen.

Die Reflektionen von Professor Udeani und das anschließende Gespräch haben deutlich gemacht, dass Mission heute etwas anderes bedeutet als noch vor 100 Jahren: Die Fragen nach der Wahrheit oder den Bedingungen zur Erlösung des Menschen sind komplizierter und vielfältiger geworden. Bei gutem Frühstück ins Gespräch miteinander zu kommen dagegen ist so einfach wie eh und je.

Weiterführende Literatur:

Udeani, Chibueze: Einander begegnen: Chancen und Grenzen im Dialog der Religionen heute (Würzburger Theologie), Würzburg 2016 (ISBN-13: 978-3429039448).

Neitzert, Jürgen: Muslime und Christen: Ein franziskanischer Blick auf den Islam (Franziskanische Akzente, Band 13), Würzburg 2017 (ISBN-13: 978-3429043322).

 

Dr. Thomas M. Schimmel
franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V.

 

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